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Einmal MoBu, immer MoBu

Eine Gemeinschaft, in der Glaube überwintern kann

Friedemann Beyer, Sophia Przyborowski und Sarah Zehme im Gespräch über Alleinstellungsmerkmale, DDR-Sozialisation und Beruflichkeit

VEDD: Wer seid ihr und was ist euer Bezug zur Moritzburger Gemeinschaft?

Friedemann Beyer: Ich bin Gemeinschaftsältester, ich habe vor drei Tagen mein zehntes Dienstjahr begonnen. (Anm. der Redaktion: Seit 1.6.26 ist Friedemann Beyer nicht mehr der Älteste der Gemeinschaft, zum Zeitpunkt des Interviews war es jedoch noch. Seine Nachfolge wird Magdalena Adler antreten.)

Sophia Przyborowski: Ich bin Diakonin und Gemeindepädagogin und arbeite in der Kirchgemeinde Moritzburg. Ich bin gerade erst eingesegnet worden und fühle mich sehr eng verbunden mit der Gemeinschaft.

Sarah Zehme
Sarah Zehme, Vorsteherin am Diakonenhaus Moritzburg

Sarah Zehme: Ich bin Pfarrerin und Vorsteherin am Diakonenhaus und damit auch Teil der Leitung der Gemeinschaft.

VEDD: Was macht euch als Gemeinschaft besonders – was sind eure Alleinstellungsmerkmale?

Friedemann: Wir arbeiten sehr eng mit dem Unternehmen zusammen, das ist zwar auch an anderen Orten so, aber bei uns sind alle Diakone automatisch Vereinsmitglieder und damit das tragende Fundament des Unternehmens.

Sarah: Das ist wirklich ein Schatz, den wir hier haben. Eine hohe Identifikation mit dem Ort und mit dem Unternehmen. Es werden Patenschaften und Mentorate angeboten, im besten Sinne mitgedacht. Eine zweite Besonderheit ist, dass die meisten Gemeinschaftsmitglieder Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen sind. Das hat mit der Geschichte des Ortes zu tun und auch mit der Geschichte der Hochschule Dresden, zu der wir durch den Campus hier eine enge Verbindung haben. Die Geschichte des Diakonenhauses ist von Anfang an dem Bereich Bildung verschrieben. Mittlerweile arbeiten auch einige in anderen Arbeitsbereichen, aber das ändert sich langsam.

Sophia: Der Campus gehörte lange zum Diakonenhaus, jetzt ist er Teil der Evangelischen Hochschule Dresden. Darüber gab es viel Unmut, aber die enge Verbindung zur Gemeinschaft ist glücklicherweise geblieben. Es werden beispielsweise alle Studierenden im ersten Semester zu den Konventen eingeladen, damit sie uns als Gemeinschaft kennenlernen können. Das ist ein großer Segen.

VEDD: Ihr setzt euch als Gemeinschaft besonders für das Unternehmen und für eure Gemeinschaftsmitglieder ein. Wofür setzt ihr euch denn noch ein?

Friedemann: Wir haben seit drei Jahren eine Partnerschaft mit der Evangelischen Jugend in Papua-Neuguinea. Dort soll Jugendarbeit als neuer Ausbildungszweig aufgebaut werden. Dafür haben wir schon einige Projekte organisiert, beispielsweise haben wir über 40 Blasinstrumente aufgearbeitet und hingeschickt, damit sie dort Bläserarbeit machen können. Aktuell planen wir, die Ausbildung ehrenamtlicher Jugendleiter personell und finanziell zu unterstützen. Die Arbeit ist sinnvoll, aber nicht immer einfach.

Sarah: Wir sind ein Sozial- und Bildungsträger. Es ist uns sehr wichtig, dass in den sozialen Einrichtungen ein diakonisches Profil entwickelt und gelebt wird und unsere Botschaft explizit wird. Für die Landeskirche sind wir Ausbildungsträger. Am Philippus-Institut bilden wir im Bereich Gemeindepädagogik und Diakonie aus. Wir bemühen uns immer wieder um die Schnittstelle zwischen Diakonat, Sozialraumorientierung und gemeinschaftlichem Leben.

VEDD: Wie viele Diakon:innen arbeiten denn im Unternehmen?

Sarah: Die Leitung des Philippus-Institutes ist eine Diakonin, der Leiter des Seniorenzentrums ist ein Diakon, die Leitung des Brüderhauses ist ein Diakon und die Leitung der Evangelischen Schule für Sozialwesen ist auch ein Diakon. Das sind unsere vier größten Einrichtungen.

VEDD: Zurück zur eigentlichen Frage: Wofür setzt ihr euch als Gemeinschaft noch ein?

Sarah: Ein Thema, das uns derzeit bewegt, ist das Thema „Rechtsradikalismus“. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Gemeinschaft Abbild der Gesellschaft ist, dann müssen wir uns dem Thema stellen und miteinander im Gespräch sein. Wir nehmen das Thema immer wieder mit, zum Beispiel zu Gemeinschaftstagen, und wollen Verständigungsort sein. Was macht uns als geistliche Gemeinschaft aus? Was bedeutet Geschwisterlichkeit an dieser Stelle? Was bedeutet es, unterschiedlicher Meinung zu sein und was ist der gemeinsame Kern? Wo gibt es Grenzen?

VEDD: Wir haben jetzt viel über die Gemeinschaft und das Unternehmen gesprochen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass bei euch der Ort Moritzburg nochmal auf ganz besondere Weise verknüpft ist. Wieso ist das so?

Sarah: Seit meinem ersten Tag hier höre ich vom „Geist von Moritzburg“. Seitdem gehe ich der Spur nach, was diesen Ort zu so einem besonderen Ort macht. Das ist eine spannende Suche.

Sophia: Das ist auf jeden Fall eng mit dem Bildungsstandort verknüpft. Die Studierenden pflegen den Ruf „Einmal MoBu, immer MoBu“, das ist fast wie ein Fußballschlachtruf. Der Studiengang ist sehr intensiv, da er viel mit dem eigenen Glauben zu tun hat. Viele leben gemeinsam hier auf dem Campus. Dadurch entsteht eine enge Gemeinschaft, die dann in die Diakonengemeinschaft weitergetragen wird.

Friedemann: Auch unsere DDR-Sozialisation spielt eine Rolle. Es gab nur fünf Diakonenhäuser auf dem Territorium der DDR und wir waren das größte und älteste. Wir haben auch am kontinuierlichsten ausgebildet in der Zeit. Das hat uns geprägt. Mein Vater, der auch Diakon war, hat auch schon hier gelernt, ich habe hier gelernt und heute tun das die Studierenden immer noch.

VEDD: Also einmal MoBu, immer MoBu?

Friedemann: Genau, das stammt zwar aus der Neuzeit, aber das hätten wir auch schon erfinden können. Wir haben neben dem Campus, der jetzt zur Evangelischen Hochschule Dresden gehört, auch noch andere Bildungseinrichtungen auf dem Gelände. Und das Gelände in Moritzburg und die Kirche wird auch weiterhin von der Hochschule genutzt zum Beispiel für Semesterstartgottesdienste. Wir haben keine eigene Kirche, deshalb sind wir eng mit der Dorfkirche verbunden. Moritzburg ist nicht groß, ich würde sagen, die Hälfte der Gottesdienstbesucher hat einen Bezug zum Diakonenhaus. Wir sind außerdem der größte Arbeitgeber in Moritzburg.

VEDD: Ihr habt schon ein bisschen von der Geschichte gesprochen. Nehmt mich mal ein bisschen mit: Wo kommt ihr als Gemeinschaft her?

Friedemann Beyer
Friedemann Beyer, ehemaliger Ältester der Gemeinschaft

Friedemann: Uns gäbe es ohne Wichern nicht. Emil Höhne, unser Gründer, war ein Jahr bei Wichern in der Lehre und hat dann 1870 angefangen, hier etwas ähnliches aufzubauen, wie Wichern in Hamburg. Die Arbeit in Moritzburg, beziehungsweise damals noch in Gorbitz bei Dresden, hat 1872 begonnen, der 1. Mai ist das Gründungsdatum. Weil das der Sonntag Misericordias Domini war, ist der 23. Psalm übrigens unser Hauspsalm. Am Anfang stand die Arbeit mit Waisenkindern im Mittelpunkt, schnell kam die Schule dazu. Weil das Unternehmen so erfolgreich war und schnell gewachsen ist, hat man Ende des 19. Jahrhunderts einen größeren Ort gesucht und in Moritzburg gefunden, hier gab es ein altes Bauerngut mit Ländereien. Ein bisschen hat sich dann das Unternehmen auch auf kleinere Ortschaften in der Gegend verteilt, denn zu viel sozialer Sprengstoff auf einem Raum war nicht gut. Deshalb haben wir keine klassische Anstalt mit Kirche in der Mitte und den Gebäuden drumherum. Wir waren von Anfang an sehr dezentral. In der Nazi-Zeit wurde alles zwangsverkauft. Wir hatten keine Anstalt mehr, keine Ausbildung. Die ehemalige Anstalt haben wir erst nach der Wende wiederbekommen. Wir konnten nach dem Krieg keine Anstaltsdiakone mehr ausbilden. Gleichzeitig hat die Landeskirche gesagt, dass sie keinen Religionsunterricht mehr in den Schulen anbieten können und haben uns gebeten, eine außerschulische Ausbildung für Kinder zu entwickeln. Und so ist bei uns der Beruf des Gemeindediakons entstanden, der pädagogisch in der Kirchengemeinde arbeitet und dort auch katechetische Unterweisungen macht.

VEDD: Ihr habt während der DDR-Zeit auch mit den anderen östlichen Gemeinschaften kooperiert, oder?

Friedemann: Genau, wir hatten ein gemeinsames Modell mit allen fünf Häusern. Es gab zwei Jahre Grundausbildung, die man überall machen konnte. Und dann konnte man je nach gewünschter Profession das Haus wechseln, Krankenpflege, Heilerziehungspflege, Altenpflege, soziale Jugendarbeit oder eben Gemeindepädagogik. Dadurch wurde unsere Gemeinschaft vielfältiger, weil sich Menschen bei uns haben einsegnen lassen, die ihre Fachausbildung an einem anderen Ort gemacht haben und keine Gemeindepädagogen waren. Ganz viel über unsere Geschichte kann man auf dem Pfad der Nächstenliebe nachlesen.

VEDD: Den sind wir ja schon gemeinsam gegangen. Sophia, nutzt ihr den Pfad manchmal auch für die Kirchgemeinde?

Sophia: Ja, häppchenweise nutze ich den schon mit den größeren Christenlehre-Kindern. Mit den kleineren ist das noch nicht so sinnvoll. Aber die Großen fragen schon manchmal: Was ist eigentlich ein Diakon?

VEDD: Christenlehre – ist das wie Kindergruppe oder Kindergottesdienst?

Sophia: Heute ist das vergleichbar mit einem Kindertreff, ja. Das ist in der DDR-Zeit entstanden, als es keinen Religionsunterricht in der Schule gab. Die Kinder konnten in der Kirchgemeinde lernen und der Name ist hängen geblieben, zumindest an den meisten Orten in Sachsen. Heute machen wir aber keinen klassischen Religionsunterricht mehr, sondern leben einfach junge Gemeinde mit den Kindern.

VEDD: Was muss ich denn tun, wenn ich bei euch Mitglied werden möchte?

Sarah: Wer zu uns kommt und schon Diakon oder Diakonin ist, wird herzlich willkommen geheißen und aufgenommen. Wer schon eine soziale Vorbildung hat, kann am Philippusinstitut die theologisch-diakonische Ausbildung machen, das ist eine zweijährige Weiterbildung. Dadurch kann man sich für das Diakonenamt qualifizieren und eingesegnet werden.

VEDD: Das heißt aber, ihr seid keine Diakonatsgemeinschaft, sondern wer bei euch Mitglied ist, ist auch Diakon:in.

Sarah: Tatsächlich. Deswegen heißen wir auch Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen.

Friedemann: Die Landeskirche schreibt vor, wer als Diakon eingesegnet wird, muss auch Gemeinschaftsmitglied sein. Bis vor einigen Jahren musste das die Moritzburger Gemeinschaft sein, durch das neue Diakonen-Gesetz haben auch andere Gemeinschaften die landeskirchliche Anerkennung, zum Beispiel die diakonische Gemeinschaft am Diakonissenhaus in Dresden. Wer aus der Gemeinschaft austritt, verliert auch sein Amt. Die Landeskirche sagt, dass es nicht gut ist, wenn man allein unterwegs ist in diesem Beruf. Jesus hat seine Jünger auch zu zweit ausgeschickt. Gemeinschaftsbindung ist also Pflicht.

Sarah: Besonders ist, dass das Diakonenamt zwar ein kirchliches Amt ist, aber keine Beruflichkeit zur Folge hat. Es gibt keine Ausschreibungen der Landeskirche speziell für Diakone und Diakoninnen. Die Mitgliedschaft ist einzig Ausdruck der gemeinschaftlichen Verbindung und der Überzeugung, gesegnet, gesendet und beauftragt zu sein.

VEDD: Das heißt aber, ich kann durchaus auch bei euch am Campus studieren und hinterher als Gemeindepädagogin arbeiten. Dann bin ich aber keine Diakonin, weil ich nicht eingesegnet bin bei euch?

Sophia Przyborowski
Sophia Przyborowski, Diakonin in der Kirchengemeinde Moritzburg

Sophia: Genau, das machen auch viele. Manche lassen sich erst einige Jahre später einsegnen, andere gar nicht, andere, so wie ich, sofort.

Sarah: Wir beobachten, dass sich derzeit rund ein Drittel des Studiengangs und auch ein Drittel der Weiterbildung am Philippusinstitut einsegnen lässt. Es ist eine persönliche Entscheidung. Wer sich einsegnen lässt, bekundet einen Willen. Die Einsegnung ist nicht Folge von etwas. Unsere Herausforderung ist es, zu zeigen, dass es etwas Wertvolles ist, fürs Leben eingesegnet zu sein und zugleich eine wundervolle Aufgabe.

VEDD: Und wohin geht es? Wo seid ihr in den nächsten zehn oder 15 Jahren?

Sarah: Das ist schwer zu sagen. Der Wandel der Kirche macht auch etwas mit unserer Gemeinschaft. Von Bonhoeffer her kommend kann man sagen, dass geistliche Gemeinschaften Orte sind, an denen Glaube überwintern kann. Das macht, finde ich, nochmal deutlich, welcher Schatz im gemeinschaftlichen Leben liegt. Der Nachwuchs schwankt zwar, hört aber nicht auf, deshalb haben wir auch keinen Abfall an Mitgliederzahlen, auch wenn natürlich derzeit viele ältere Mitglieder in die Ewigkeit weiterziehen. Wir leben und bauen auf Hoffnung, oder Friedemann?

Friedemann: Ja, das sehe ich auch so. Viele aus den nächsten Jahrgängen haben schon geäußert, sie wollen sich einsegnen lassen.

VEDD: Was hat dich denn überzeugt, Sophia?

Sophia: Tatsächlich das Gemeinschaftsgefühl fernab vom Freundeskreis. Ich wurde plötzlich um meines Willens erkannt und nicht mehr als Tochter oder Enkeltochter von jemandem, ich bin nämlich Pastorentochter. Ich darf in dieser Gemeinschaft eine eigenständige Person sein, das nehme ich als sehr wertschätzend wahr. Manchmal gibt es auch Frust oder etwas fühlt sich unfair an, trotzdem habe ich immer das Gefühl, gesehen zu werden, auch schon während des Studiums. Ich kann mich auf die Gemeinschaft verlassen, wenn ich Unterstützung brauche. Und wichtig ist mir auch das Berufsverständnis, das für mich nicht nur biblisch begründet ist, sondern eben auch gemeinschaftlich, so dass wir uns gegenseitig den Rücken stärken können.

VEDD: Ich danke euch für das Gespräch!

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