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Gäste sind herzlich Willkommen

Im Gespräch mit Mitgliedern der diakonischen Brüder- und Schwesternschaft am Wittekindshof über die diakonische Haltung, Blitzdiakone und die Miterben des ewigen Lebens.

VEDD: Am besten stellt ihr euch erst mal vor. Wer seid ihr, was tut ihr?

Sandra Pollex: Ich arbeite seit zehn Jahren bei der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in der Freiwilligenzentrale. Wir kümmern uns um alles, was mit Freiwilligenmanagement zu tun hat, sowohl um Ehrenamtliche als auch um FSJler und BFDler. Ich habe dieses Jahr mein zehnjähriges Einsegnungsjubiläum gefeiert.

Janina Wiehl: Ich bin Diakonenschülerin. Im September komme ich in den Oberkurs. Ich mache die Ausbildung nebenberuflich und arbeite schon seit acht Jahren im Wittekindshof mit Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Beeinträchtigung.

Achim Steinmeier: Ich bin seit 41 Jahren auf dem Wittekindshof und in der Gemeinschaft. Seit 2019 bin ich der Älteste der Gemeinschaft, ich habe in den Wirren der Corona-Jahre gestartet, das war ein schwieriger Einstieg. Ich kümmere mich hauptberuflich um die Organisation der Gemeinschaft. Auch Seelsorge spielt dabei eine große Rolle.

Fabian Sander: Ich bin seit 17 Jahren in der Gemeinschaft, seit elf Jahren eingesegneter Diakon und ich arbeite im Wittekindshof bei den tagesstrukturierenden Angeboten mit Menschen mit Autismus. In der Gemeinschaft bin ich Vorsitzender des Leitungskreises Ost, wir versuchen, den Brüder- und Schwesternrat zu entlasten und ihnen organisatorische Dinge abzunehmen. Außerdem bin ich Mitglied im Helferkreis.

Bernhard Höhr: Ich bin seit 39 Jahren im Wittekindshof. Als ich hier angefangen habe, waren noch alle Mitarbeitenden automatisch Mitglied der Brüder- und Schwesternschaft. Das hat sich erst 1994 verändert. Die letzten 20 Jahre habe ich im psychologischen Fachdienst gearbeitet im Bereich Gewaltprävention. Seit elf Monaten bin ich im Ruhestand. Aber ich habe kürzlich wieder auf 600 Euro Basis angefangen und mache jetzt ein Projekt zum Thema „Sexuelle Grenzverletzungen zwischen Mitarbeitenden“. Bis letzten Winter war ich auch im Brüder- und Schwesternrat.

Janina Wiehl, Fabian Sander, Bernhard Höhr, Sandra Pollex und Achim Steinmeier
Janina Wiehl, Fabian Sander, Bernhard Höhr, Sandra Pollex und Achim Steinmeier

VEDD: Verstehe ich das richtig: Ihr arbeitet alle im Wittekindshof? Arbeiten Diakon:innen bei euch nicht auch im landeskirchlichen Dienst?

Achim: Doch, aber nicht so viele. Insgesamt arbeiten knapp 160 Menschen bei anderen Trägern. Wir sind derzeit 1.078 Mitglieder, ungefähr 380 sind davon schon im Ruhestand.

VEDD: Das macht 500, die bei der Stiftung arbeiten. Wie viele Mitarbeitende sind es insgesamt?

Achim: 3.900 ungefähr. Ja, das ist anders als bei anderen Gemeinschaften, wo man die Diakone im eigenen Unternehmen manchmal schon an einer Hand abzählen kann. Dazu muss man aber auch wissen, dass wir als Diakone und Diakoninnen zwar zusätzlich qualifiziert sind, diese zusätzliche Qualifikation jedoch nicht bezahlt wird. Wir sind nicht als Diakone angestellt.

VEDD: Ich habe für jeden von euch eine Frage mitgebracht, aber ihr dürft natürlich jeweils ergänzen, wenn euch etwas unter den Nägeln brennt. Achim, welche drei Dinge machen für dich die Gemeinschaft aus?

Achim: Unsere vielfältigen Begegnungsangebote, die Lebendigkeit in unserer Gemeinschaft und unser geschwisterlicher Umgang in Konfliktsituationen. Zum Beispiel haben wir in den vergangenen zwei Jahren sehr offen über nötige Ordnungsänderungen diskutiert.

Bernhard: Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal ist auch, dass wir Teil der Stiftung sind und dass wir laut Satzung dazu berufen sind, das Diakonische Profil der Stiftung zu schärfen. Von der Basis bis zum Vorstand sind Menschen Mitglied in unserer Gemeinschaft.

Achim: Ich beziehe die offene Konfliktkultur darum auch auf das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Stiftung. Das Thema „Diakonische Bildung“ spielt hierbei eine wichtige Rolle. Wir sind in diesem Bereich für die ganze Stiftung tätig.

VEDD: Um was geht es denn bei der Ordnungsänderung?

Achim: In erster Linie wollen wir uns an die Veränderungen in der Stiftung anpassen. Wir teilen uns regional auf, stellen uns innerhalb der Regionen neu auf und ordnen die Mitgliedergruppen neu.

Bernhard: Außerdem geht es um eine Namensänderung. Weg von der diakonischen Brüder- und Schwesternschaft, hin zur diakonischen Gemeinschaft.

Achim: Wir wollen noch mehr für die Mitarbeitenden da sein. Wir fühlen uns nicht nur für die Gemeinschaftsmitglieder zuständig, deshalb ist das Thema „Diakonische Bildung“ ja so wichtig. Wenn jemand zu mir kommt zum Seelsorgegespräch, dann schaue ich nicht in die Kartei, ob diese Person Gemeinschaftsmitglied ist. Da verändert sich die Sichtweise und wird von dem neuen Theologischen Vorstand, Marian Zachow, unterstützt. Bruder Zachow ist zusätzlich mit im geschäftsführenden Vorstand der Gemeinschaft. Unsere Veranstaltungen waren zwar schon immer offen für Mitarbeitende außerhalb der Gemeinschaft – „Gäste sind herzlich Willkommen“ stand schon immer auf den Einladungen – aber jetzt laden wir noch intensiver dazu sein und kommunizieren es klarer. Auch der Monatsbrief, den wir per E-Mail verschicken, geht an alle Mitarbeitenden und Gemeinschaftsmitglieder.

VEDD: Was ist denn das spezifisch Diakonische in eurer Gemeinschaft, Sandra?

Sandra: Ich war früher bei anderen Arbeitgebern tätig. Die Offenheit, die ich hier fühle, ist etwas Besonderes, dieses Gefühl, als Mitarbeiterin getragen zu sein. Deshalb habe ich den Kurs als Diakonische Mitarbeiterin gemacht. Auf der einen Seite können alle dazu gehören, wenn sie die Werte mittragen, und auf der anderen Seite gibt es hier ein Fundament des Glaubens, an dem man sich orientieren kann und in dem man sich wohlfühlt.

VEDD: Was hat sich durch den Kurs an deiner Art des Arbeitens verändert?

Sandra: Seitdem kann ich das diakonische Profil ganz anders vorleben, sowohl den Klienten als auch den Mitarbeitenden gegenüber. Das Identitätsstiftende wurde im Kurs sehr gut vermittelt, neben den theologischen Inhalten. Das ist heute für mich die Basis für meine Arbeit. Ich sitze den Menschen mit einer anderen, bewussteren Haltung gegenüber. Daran hat auch die Mitgliedschaft in unserer großen Gemeinschaft Anteil. Viele Mitschwestern und Mitbrüder zu haben, das macht etwas. Auf jeden Fall denke ich, dass die Zeit hier mich mehr geprägt hat, als die Tätigkeiten davor.

Bernhard: Wir begegnen den Menschen nicht nur mit einem fachlichen, pädagogischen oder sozialarbeiterischen Hintergrund und beschränken uns darauf. Der Mehrwert ist ein besonderes und empathisches Menschenbild. Wir haben quasi in allen Unternehmensbereichen Diakone, Diakoninnen und Diakonische Mitarbeitende. So können wir diese Haltung gut transportieren.

VEDD: Ich verstehe das richtig: Bei euch gibt es neben Diakon:innen auch diakonische Mitarbeitende, richtig?

Bernhard: Richtig. Diakone und Diakoninnen werden nach Landeskirchenrecht ausgebildet. Es gibt aber auch viele Menschen, die auf Grund ihres Alters, ihrer Schulbildung oder aus anderen Gründen keine Ausbildung als Diakon machen können oder wollen. Weil dem Unternehmen die diakonische Grundausbildung aber wichtig ist, wurde die diakonisch-theologische Ausbildung entwickelt, früher haben wir das die „Ausbildung als Blitzdiakon“ genannt. Diese Ausbildung läuft ein Jahr lang in mehreren Modulen. Innerhalb der Gemeinschaft unterscheiden wir nicht. Es werden am Ende der Ausbildung auch alle gesegnet für ihren Dienst. Nur die landeskirchliche Einsegnung entfällt bei den diakonischen Mitarbeitern.

VEDD: Janina, wie wird man denn bei euch Mitglied. Muss ich dazu Diakon oder diakonische Mitarbeiterin sein?

Janina: Bei uns können alle Mitglieder werden. Man kann zu Achim gehen und sagen, dass man eintreten will und dann kann man eintreten. Der Rat als Leitungsgremium prüft den Antrag zusätzlich und heißt das neue Mitglied dann willkommen.

VEDD: Das klingt sehr niedrigschwellig.

Achim: Ja, so ist es auch. Ungefähr 20 Personen, die weder Diakone noch diakonische Mitarbeitende sind, gehören der Gemeinschaft an. Darunter sind übrigens auch acht Klient:innen hier aus dem Wittekindshof.

Janina: Meine Mutter war auch Mitglied, obwohl sie nur Heilerziehungshelferin war. Erst als sie den Arbeitsplatz gewechselt hat, ist sie ausgetreten.

VEDD: Und wie ist es bei dir – wirst du Diakonin oder Blitzdiakonin?

Janina: Ich werde Diakonin. Christliche Normen und Werte müssen wieder mehr vermittelt werden, das finde ich ganz wichtig. Gerade den älteren Klienten ist es wichtig, dass wir gemeinsam Andacht feiern, in der Bibel lesen, Geschichten erzählen. Und wenn dann niemand da ist, der sich dazu berufen fühlt, dann finde ich das sehr schade. Deshalb habe ich mich für die Ausbildung entschieden. Christsein ist mehr als nur den Menschen zu helfen, dazu gehört für mich auch, Wissen zu vermitteln. Und die Klienten haben ein Recht darauf, dieses Wissen zu bekommen und das in Leichter Sprache. Ich mache derzeit die letzten Module des Unterkurses und parallel schon einiges aus dem Oberkurs. Parallel arbeite ich weiter.

VEDD: Wow. Das klingt nach viel Arbeit.

Janina: Der Diakonenkurs erdet mich. Allein die Andachten am Freitag, eine halbe Stunde einfach nur sein im Alltag, wann habe ich denn sonst dafür die Möglichkeit. Einfach mal reflektieren, nachdenken über die Arbeit. Das ist Gold wert. Für die Ausbildung werde ich außerdem 20 Prozent der Arbeitszeit freigestellt.

Achim: Das ist noch nicht lange so. Bis September wurde der Kurs noch in der Freizeit absolviert werden, man musste also die Arbeitszeit reduzieren. Erst seit Oktober gelten wieder Regeln, die eine Freistellung für die Schultage vorsehen. Das ist auch Teil des Umdenkens, von dem ich vorhin gesprochen habe. Es werden auch alle Mitarbeitenden, die eine Leitungsposition im Unternehmen haben, angehalten, Module der Diakonischen Bildung zu absolvieren. Ich habe viel Hoffnung, dass die vermittelten Inhalte das gemeinsame Leben und Arbeiten positiv verändern werden.

VEDD: Jetzt hast du schon ein bisschen davon gesprochen, wie es früher war. Bernhard, woher kommt den eure Gemeinschaft?

Bernhard: Wir sind noch eine recht junge Gemeinschaft. Direkt nach dem Krieg, 1949, haben fünf engagierte Brüder beschlossen, in der Anstalt – so hieß der Wittekindshof damals noch – eine Haltung zu entwickeln, damit sich so etwas wie der Nationalsozialismus nicht wiederholt. Sie waren davon überzeugt, dass ein moralischer Wächter innerhalb des Unternehmens wichtig ist, der immer wieder darauf hinweist, dass nicht alles, was Mainstream ist, übernommen werden muss. Und diese Brüder fanden, dass eine christliche Gemeinschaft diese Aufgabe am besten übernehmen kann. Deshalb ist die Gemeinschaft auch bis heute Teil der Stiftung und keine nebengeordnete Organisation, die einfach ein frommes Leben lebt. Und deshalb gewinnt die Gemeinschaft im Moment auch wieder mehr an Bedeutung im Unternehmen, um einen Kontrapunkt gegen die aktuelle politische Lage zu setzen.

VEDD: Und heute? Was macht ihr heute als Gemeinschaft? Ihr habt vorhin von Veranstaltungen gesprochen. Fabian, was bietet ihr an?

Fabian: Sehr viel Verschiedenes. Biblische Mahlzeiten, das theologische Tandem zur Jahreslosung, Besuche im Escape Room, Sommerfeste, Pilgerangebote, Seniorencafé. Es gibt auch gemeinsame Sportgruppen und wir machen Ausflüge, zum Beispiel zu Gedenkstätten oder zur Polizei. Das Angebot ist wirklich breit gefächert für verschiedene Altersgruppen.

VEDD: Also spirituelle und fachliche Angebote?

Fabian: Genau.

VEDD: Wer macht das denn alles, das kann ja nicht alles Achim machen?

Fabian: Nein. Dafür haben wir den Leitungskreis ins Leben gerufen. Und viel passiert auch in den regionalen Leitungskreisen. Einzelne Personen bieten auch aus eigenem Antrieb heraus etwas an. Zum Beispiel eine Schwester, die regelmäßig zu gemeinsamen Spaziergängen einlädt. Als Leitungskreis ist es unsere Aufgabe, diese Angebote zu bündeln, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

VEDD: Warum sollte man eurer Gemeinschaft angehören?

Janina: Es ist schön, neben der Arbeit und dem täglichen Umgang mit den Kollegen, mit Menschen über andere Themen zu sprechen, zum Beispiel über spirituelle und christliche. Das ist ein Mehrwert, den wir hier kriegen.

Fabian: Auf der Arbeit ist man in Hierarchien unterwegs. Als Mitarbeiter an der Basis treffe ich innerhalb der Gemeinschaft Menschen aus der Leitung und komme mit ihnen ganz offen ins Gespräch, das wäre im beruflichen Alltag so gar nicht möglich. Es ist für die Psychohygiene richtig gut, dass man sich außerhalb des eigenen, kleinen Geschäftsbereichs austauschen kann. Und man kriegt dadurch viel aus dem ganzen Unternehmen mit.

Sandra: Unsere breite Altersspanne ist auch eine Bereicherung. Bei unseren Gemeinschaftsveranstaltungen treffen sich 80- und 90-Jährige mit den Schülern und ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven auf die Dinge. Da treffen Menschen aufeinander in der Spanne eines ganzen Lebens.

Achim: Ich denke, jemand, der von außerhalb kommt, würde nicht unbedingt auf die Idee kommen, bei uns Mitglied zu werden. Aber für alle, die im Wittekindshof arbeiten oder im Umfeld tätig sind, sind wir eine offene Gemeinschaft. Ungefähr 99,5 Prozent der Gemeinschaftsmitglieder haben einen direkten Bezug zum Wittekindshof. Das ist eine Besonderheit. Doch es ist natürlich möglich bei uns aktiv zu sein, ohne zahlendes Mitglied zu sein. Dieses Umdenken fängt in der Gemeinschaft langsam an. Die Frage wird diskutiert: Ist es uns wichtiger, unsere Mitgliedszahlen zu erhöhen oder ist die gemeinsam gelebte Lebendigkeit und christliche Werte zu leben? Wir haben diese Gemeinschaft ja nicht nur, um uns selbst zu stärken, sondern auch, um etwas an die Klient:innen weiterzugeben. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt. Wir sind alle Kinder Gottes und so steht es schon sinngemäß in der Gründungsurkunde der Gemeinschaft, die als Brüdergemeinschaft gestartet ist. Deshalb wollen wir keine elitäre Gemeinschaft sein, sondern uns weiterhin für interessierte Menschen öffnen.

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