Ein sicherer Heimathafen
Im Gespräch mit Angelika Klingel, Renate Schwarz und Nick Wondratsch über den Karlshöher Diakonieverband.
VEDD: Stellt euch bitte kurz vor. Was ist eure Verbindung zur Gemeinschaft?
Angelika Klingel: Ich habe das Grundstudium auf der Karlshöhe gemacht, damals noch gekoppelt an die Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin. Dann habe ich durch die Geburt unserer Kinder pausiert und erst weiter studiert, als die Kinder in die Schule gekommen sind. Damals gab es noch nicht die Möglichkeit der Kinderbetreuung. Nach dem Studium habe ich bei der Ev. Landeskirche in Württemberg in der Bildungsarbeit beim Ev.Frauenwerk gearbeitet. Ehrenamtlich war ich neun Jahre lang Vorsitzende des Landesfrauenrat Baden-Württemberg. In dieser Zeit habe ich als Geschäftsführerin in die Soziale Diakonie, zur Evang. Müttergenesung gewechselt. Dort war ich 19 Jahre lang für die Leitung und Betriebsführung für drei Kurkliniken verantwortlich. Während der letzten zwölf Jahre war ich Mitglied in der Ev. Landessynode Württemberg und habe für den Landtag kandidiert.
Als ich angefragt wurde, den Vorsitz im Karlshöher Diakonieverband zu übernehmen, habe ich mich sehr gefreut und ich habe gerne zugesagt. Im Ruhestand hatte ich Zeit, mich dort einzubringen, wo ich mich verwurzelt gefühlt habe. So sehe ich den Karlshöher Diakonieverband, als meinen geistlichen „Heimathafen“. Er hat mein Menschenbild und meinen Glauben mitgeprägt. Ich sehe unsere Aufgabe als Diakon:innen darin, durch tätiges Handeln nach Gottes Wort, die Welt und das Zusammenleben gerechter und friedlicher für alle Menschen jeglichen Hintergrunds zu gestalten.

Nick Wondratsch: Ich wurde im März 2024 berufen, nachdem ich auf der Karlshöhe Religions- und Gemeindepädagogik und Soziale Arbeit im Bachelor studiert habe. Danach habe ich noch meinen Master in Gemeindepädagogik gemacht. Ich war sechs Jahre hier im Studium und habe fünfeinhalb Jahre hier gewohnt, ich fühle mich der Karlshöhe sehr verbunden. Die Gemeinschaft habe ich in der Zeit allerdings nicht gut kennengelernt, mein Studium ist mitten in die Corona-Zeit gefallen. Es war schwierig, Kontakt zur Gemeinschaft herzustellen. Nach meiner Berufung hatte ich Lust, mich mehr im Verband zu engagieren und bin im Team für die ersten Berufsjahre eingestiegen. Seitdem habe ich die Gemeinschaft schätzen gelernt und habe deshalb gern zugestimmt, als ich im Frühjahr in den Vorstand gewählt wurde.
Renate Schwarz: Ich habe von 1998 bis 2003 auf der Karlshöhe studiert. Ich kannte Das Gemeinschaftsprinzip der Diakon:innen schon, ich hatte einen Rummelsberger Großvater und wusste deshalb, wie wichtig Gemeinschaft ist. Während des Studiums war es schön, Gemeinschaft zu haben, in den ersten Dienstjahren um so mehr. Ich habe deshalb immer den Kontakt gehalten, habe auch mal einen Verbandstag mit vorbereitet und war in der Delegiertenversammlung und im Vorstand, auch während der Elternzeit. Als der Diakonieverband vor ein paar Jahren eine Geschäftsführerin gesucht hat, war das ein gutes Match für mich.
VEDD: Du bist die Geschäftsführerin, nicht die Älteste. Und ihr heißt Diakonieverband und nicht Gemeinschaft oder Brüder- und Schwesternschaft. Warum?
Renate: Anfang der 70er Jahre gab es nach dem Ruhestand des damaligen Rektors einen großen Umbruch. Die Gemeinschaft hat sich viel erkämpft. Es wurden endlich Frauen aufgenommen und seitdem kann man die Ausbildung machen, ohne der Gemeinschaft beizutreten. Außerdem wurde das Sendungsprinzip aufgegeben. Es war eine Zeit der Emanzipation. Statt eines Rektors, der natürlich Pfarrer war, wurde eine Gemeinschaftsleitung aus Diakonen gewählt. Aus der Zeit stammt auch die Entwicklung, dass es eine hauptamtliche Geschäftsführung und einen ehrenamtlichen Vorsitz gibt. Angelika ist meine Vorgesetzte. Wir sind übrigens beide die erste Frau in unserem jeweiligen Amt. Heute steht in der Ordnung, dass mindestens zwei Geschlechter im Vorstand vertreten sein müssen, bisher gab es einen extra Sitz für eine nur von den Frauen gewählte Diakonin. Das hat mittlerweile für Ungerechtigkeit gesorgt, weil die Frauen auch so gut vertreten sind.
VEDD: Jetzt hast du aber immer noch nicht gesagt, warum ihr Diakonieverband heißt und nicht Gemeinschaft.
Renate: Wir brauchten einen neuen Namen, weil Brüderschaft nicht mehr passte. Das scheint der kleinste gemeinsame Nenner gewesen zu sein. Auch wenn mir erzählt wurde, dass ein Vorschlag für die Ordnungsänderung die Aufnahme des Satzes: „Schwestern sind Brüder im Sinne der Ordnung“ war. Ich finde den Namen Diakonieverband sehr unpraktisch, es gibt viele Diakonieverbände und deshalb gibt es viele Verwechslungen. Jetzt haben wir eine neue Ordnung, wer weiß, vielleicht haben wir auch irgendwann einen neuen Namen.
VEDD: Nick, was hat dich denn überzeugt, beizutreten, obwohl du im Studium nicht viel Kontakt hattest?
Nick: Das war eine Mischung. Mehrere Personen, die für den Verband standen, haben mich beeindruckt. Sie waren sehr überzeugend mit ihrem Vorschlag, den Verband näher kennenzulernen. Ich bin zu mehreren Angeboten gegangen und habe gemerkt, dass diese schön sind und dass Gemeinschaft vor Ort ergreifend sein kann. Das Ausschlaggebende war, dass ich ein paar ältere Diakoninnen kennengelernt habe, sehr betagte Frauen, die erzählt haben, dass sie sich seit ihrer Ausbildung regelmäßig hier treffen. Ich fand es schön, einen Ort der Wiederkehr zu haben.
VEDD: Was ist denn der Standardweg in die Gemeinschaft? Muss das während oder direkt nach dem Studium sein?
Renate: Es gibt Ausnahmen, aber wenige. Wir haben einige Mitglieder, die ihr Studium nicht abgeschlossen haben, aber der Gemeinschaft dennoch verbunden sind. Auch einige ehemalige Dozierende sind eingetreten. In der Satzung steht, dass Diakone und Diakoninnen oder Studierende beitreten können oder Menschen, die sich dem Diakonat verbunden fühlen. Es treten auch immer wieder Menschen eine längere Zeit nach ihrer Ausbildung bei. Zum Beispiel während der ersten Berufsjahre oder später, wenn wir sie zum Jubiläum einladen. Aber die meisten treten während des Studiums bei oder direkt danach.
VEDD: Ihr seid eine riesige Gemeinschaft: Was macht euch so attraktiv, wieso kommen die Leute zu euch?
Angelika: Ich glaube, dass seit Corona die Menschen in all ihrer Individualisierung und in ihrem separierten Denken wieder mehr nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit suchen. Und wir haben einen Stamm an traditionellen Diakonen, die schon seit 40 oder 60 Jahren dabei sind. Ich freue mich an jedem Verbandstag, wenn aus allen Generationen Menschen zusammenkommen, auch hochbetagte Brüder und Schwestern, die als Einzelkämpfer:innen in ihren jeweiligen Arbeitsstellen gewirkt haben und viel Verantwortung tragen mussten und die im Verband bis heute Zugehörigkeit, Gleichgesinnte und Austausch finden.
Renate: Die Studiengänge an der Hochschule sind nach wie vor gut besucht. Wir verstehen uns auch als Berufsverband. Ich glaube, dass viele das attraktiv finden und deshalb Mitglied werden. Es kommen natürlich nicht alle 900 Mitglieder regelmäßig zu den Veranstaltungen. Es gibt einfach Zeiten im Leben, da hat man Lust und Zeit, sich einzubringen und dann gibt es Zeiten, da ist es nicht so. Mir hat eine Diakonin mal gesagt, dass der Diakonieverband für sie wie ein Sicherheitsnetz ist. Im Zweifelsfall kann es auffangen, aber wenn sie es nicht braucht, ist es auch mal weiter weg.
VEDD: Wo arbeiten in Württemberg Diakone und Diakoninnen? Wie viele arbeiten denn auf der Karlshöhe?
Renate: Nur noch sehr wenige. Die meisten arbeiten bei der Landeskirche oder bei anderen Trägern.
VEDD: War das schon immer so? Woher kommt ihr als Gemeinschaft?
Angelika: Das muss Renate beantworten: Sie ist unser historisches Wikipedia.
Renate: Darüber könnte ich auch drei Stunden erzählen.
VEDD: Vielleicht versuchen wir es mit drei Minuten?

Renate: Wir feiern dieses Jahr unser 150. Jubiläum. Vor 150 Jahren hat sich die Karlshöhe als erstes Diakonenhaus in Süddeutschland entwickelt. Allerdings haben wir keine markante Gründerfigur, wie zum Beispiel in Moritzburg. Es ging einfach los. Wichern hat damals ein Glückwunschtelegramm zur Gründung geschickt. Vor dem Start sind einige nach Hamburg gefahren und haben sich das Rauhe Haus angeschaut und das dann hier nachgebaut. Deshalb haben die ältesten Häuser auf unserem Gelände auch die norddeutsche Klinkerbauweise. Bei uns haben dann viele Menschen die Ausbildung gemacht, nicht nur schwäbische junge Männer. Am Anfang gab es ein Kinderheim, dann kam die Pflege dazu. Erst nach dem zweiten Weltkrieg hat sich das verändert. Es kamen dann immer mehr diakonische Arbeitsbereiche dazu. Heute ist die Karlshöhe ein Komplexträger. Das Konzept der Gemeinschaft war damals ähnlich wie an anderen Orten. Gemeinschaft, Sendungsprinzip, Brüderordnung.
VEDD: Wäre das auch etwas für euch gewesen?
Angelika: Ich denke, als Kind meiner Zeit wäre ich damals auch beigetreten. Auch wenn damals alles sehr fremdbestimmt war. Ich denke nur an das Bräutejahr und daran, dass der Rektor einverstanden sein musste mit der Wahl der zukünftigen Frau! Aber für Menschen, die praktisch arbeiten wollten im sozialpädagogischen, erzieherischen Bereich, war das sicher eine gute Grundlage, um Gutes zu tun und sinnstiftend tätig zu sein.
Nick: Ich bin ein Mensch, der Wohn- und Arbeitsort gern selbst bestimmt. Ich weiß nicht, ob mir das Sendungsprinzip liegen würde. Andererseits hat es auch seinen Reiz, quasi als Agent irgendwo hingesendet zu werden und dort Arbeit zu verrichten. Ich bin unentschlossen.
VEDD: Warum sollte ich mir ausgerechnet eure Gemeinschaft aussuchen?
Renate: Wir sind für Menschen attraktiv, die in Württemberg leben und arbeiten und ein Netzwerk suchen. Deshalb können auch Diakone und Diakoninnen aus anderen Landeskirchen, die hier arbeiten, gern bei uns Anschluss suchen. Wir nehmen gern Gäste auf.
Angelika: Wir haben eine enge Verbindung zur Landeskirche, zur Synode, zur Verwaltung, zum Oberkirchenrat. Das ist ein großes Glück. Wir sind geschätzt und gewollt und werden von der Landeskirche unterstützt.
Nick: Und die kurzen Wege sind wichtig. Wir setzen viel auf Netzwerk und Kommunikation und sind sehr offen als Gemeinschaft. Wir laden auch immer wieder Menschen ein, die gar nicht Mitglied im Verband sind.
Angelika: Und wir sind offen für alle möglichen Lebensformen und setzen uns dafür ein, zum Beispiel gegen nationalistische Denkweisen. Die Landeskirche in Württemberg ist die einzige Landeskirche, die die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare nicht vollumfänglich übernommen hat. Da sind wir als Verband schon viel weiter. Bei uns wird man Mitglied, wenn man diese offene Sicht mitträgt und Chancengerechtigkeit unterstützen will.
Renate: Gleichzeitig sind unsere Mitglieder natürlich auch sehr breit aufgestellt in Bezug auf theologische Prägungen und Formen der Spiritualität. Unsere älteren Mitglieder sind natürlich auch Kinder ihrer Zeit. Diese Vielfalt schätze ich. Vor Kurzem hatte ich eine Akte in der Hand von einem Bruder, der Anfang der Nuller Jahre entsetzt ausgetreten ist, weil die Gemeinschaft sich für andere Lebensformen eingesetzt hat. Kurz danach ist er aber wieder beigetreten, weil er den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen wollte.
VEDD: Was wünscht ihr euch für eure Gemeinschaft in den nächsten zehn Jahren?
Nick: Ich wünsche mir, dass sie weiterwächst und dass sich die Angebote weiterentwickeln. Wir haben zwar schon sehr viele verschiedene Angebote, aber ich glaube, da könnte noch mehr gehen.
Angelika: Ich erlebe in den drei Jahren seit ich Vorsitzende bin eine große Lebendigkeit und viel Zusammenhalt. Wir haben eine Satzungsänderung hinter uns, wir haben eine Strukturveränderung hinter uns, wir haben neue Formen, neue Gremien, einen neuen Vorstand – und alles wurde mitgetragen von den Mitgliedern. Das ist gut gelungen. Ich wünsche mir, dass diese Transformation auch in Zukunft weitergeht und dass wir weiter die zentrale Anlaufstelle für Diakoninnen und Diakone in Württemberg bleiben.
Renate: Wenn man auf die Weltpolitik schaut, dann kann einem Angst werden. Ich habe die Hoffnung, dass wir weiterhin ein sicherer Hafen für unsere Mitglieder bleiben. Und dass wir klar auf der Linie des Evangeliums bleiben und uns für Demokratie, Vielfalt, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen.
