Der barmherzige Samariter kommt nie aus der Mode

Im Gespräch mit Stefanie Feldmann, Diakonin der Diakonischen Gemeinschaft Nazareth und Mitarbeiterin im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld.
VEDD: Sie sind Diakonin. Was bedeutet das für Sie?
Stefanie Feldmann: Ich bin noch nicht lange Diakonin. Am 24.09.2023 war meine Einsegnung. Ich bin da irgendwie hineingerutscht. Rückblickend gehörte das wahrscheinlich alles zu meinem Lebensplan. In meiner Grundausbildung als Krankenschwester bin ich seit gefühlten 100 Jahren tätig. Ich habe mich immer bemüht, mich weiterzuentwickeln und habe in verschiedenen Bereichen Erfahrungen gesammelt, überwiegend in der Arbeit mit älteren Menschen, dafür schlägt mein Herz. Dann habe ich die Ausschreibung für eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Diakonin an der Ev. Bildungsstätte Bethel entdeckt, bei der noch Plätze frei waren. Es begann mit: „Die Bibel – ein Buch mit sieben Siegeln“. Insgesamt werden in Basis- Vertiefungs- und Aufbaukursen jeweils sechs große Module gelehrt. Das waren für mich insgesamt vier bereichernde Jahre, in denen ich wunderbare Menschen kennenlernen durfte. Dass ich jetzt Diakonin bin, das bedeutet mir alles! Ich kann in dem Bereich, in dem ich schon seit fünf Jahren arbeite, beides machen: Ich arbeite fachlich als Krankenschwester und seelsorgerlich als Diakonin.
VEDD: Wo arbeiten Sie denn genau?
Feldmann: Ich arbeite im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld, bzw. Universitätsklinikum OWL. Das ist ein Krankenhaus der Maximalversorgung. Meine Kolleginnen und ich machen Delirprävention und Delirmanagement auf sieben verschiedenen Stationen. Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der gerade bei älteren Menschen oft im Krankenhaus vorkommt. Nicht viele Häuser in Deutschland beschäftigen sich so intensiv mit dem Thema Delir wie das EvKB. Unser Programm heißt help+ (hospital elder life program)
VEDD: Was machen Sie denn konkret in ihrem Dienst?

Feldmann: Wir führen ein umfangreiches Risikoscreening bei neuen Patient:innen über 70 Jahren durch. Wenn wir bei einer Person ein Risiko feststellen, oder wenn jemand bereits ein Delir hat, nehmen wir diese ins Programm auf. Wir sind ein multiprofessionelles Team von aktuell zwölf Kolleginnen. Außerdem schulen wir junge Menschen im Betheljahr, haben also außerdem auch einen pädagogischen Auftrag. Sie sind für die niederschwellige Betreuung unserer Patient:innen verantwortlich und ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Teams. Ein akutes Delir ist immer ein Notfall, wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Deshalb ist schnelles Erkennen und Handeln durch Fachpersonal so wichtig.
VEDD: Was machen Sie dann mit den Menschen, bei denen das Screening ein Delir oder ein Risiko dafür gezeigt hat?
Feldmann: Wir geben Orientierung, machen Mahlzeitenbegleitung, Entspannungsförderung, körperliche Mobilisierung, haben einen ganzen Schrank voller Möglichkeiten zur kognitiven Aktivierung. Zum Beispiel gibt es spezielle Aktivierungsmappen zu bestimmten Themengebieten, Spiele, Puzzles, Zeitschriften, Sudokus und Rätsel. Wir fragen immer danach, was die Patient:innen zu Hause gerne machen. Da steckt ein bisschen Biographiearbeit dahinter. Hilfreich sind Fotos von Kindern, Enkeln oder Haustieren und ganz wichtig ist auch die Information an Angehörige, die vielleicht sehr in Sorge um Vater oder Mutter sind, weil diese sich so befremdlich verhalten, ganz anders als zu Hause. Wir versuchen etwas zu finden, wo wir bei den Patient:innen anknüpfen können. Der Schrank in unserem Büro ist gefüllt und wird ständig mit neuen Dingen aktualisiert.
VEDD: Ach so, ein Schrank im wahrsten Sinne des Wortes, ich dachte, das sei eine Metapher für Ihren Ideenreichtum.
Feldmann: Das auch, aber der echte Schrank ist tatsächlich auch voll.
VEDD: Begleiten Sie dann auch Menschen zu Untersuchungen?
Feldmann: Das haben wir bisher nicht gemacht, aber ich kann mir vorstellen, dass das eine gute Idee wäre. Leider sind unsere Ressourcen begrenzt, wir begleiten wirklich sehr viele Menschen, meistens rund 25 bis 30 zeitgleich. Und die Screenings kommen noch dazu. Wir bemühen uns, das Thema Delir schon bei der Aufnahme ins Krankenhaus präsent zu machen, geben interne Fortbildungen für Mitarbeitende, um zu sensibilisieren. Oft befinden sich Menschen, die bei uns sind, in einer Lebenskrise, deshalb ist Seelsorge auch ein weiteres wichtiges Thema.
VEDD: Das klingt nach einer umfangreichen Aufgabe. Und das haben Sie schon gemacht, bevor Sie Diakonin wurden?
Feldmann: Ja genau, ich bin seit ungefähr fünf Jahren dort. Screening und Betreuung sind natürlich wichtig, aber Seelsorge ist einfach mein Herzensding. Wir haben Klinikseelsorger im Haus, deren Ressourcen aber auch sehr begrenzt sind. Deshalb signalisiere ich den Menschen immer, dass ich mir die Zeit nehme, die sie gerade brauchen, um ihre Nöte loszuwerden.
VEDD: Haben Sie das Gefühl, die Arbeit hat sich verändert, seit Sie die Ausbildung als Diakonin gemacht haben?
Feldmann: Ja, ich bin sicherer geworden in meinem seelsorglichen, spirituellen Handeln. Ich kann Schweigen aushalten, und was danach kommt ist für beide Seiten, mein Gegenüber und mich, so wertvoll. Spiritual Care im Krankenhaus bedeutet, die spirituellen Bedürfnisse von Menschen in Krisensituationen und existenziellen Fragen aufzugreifen und im besten Fall eine zeitlang zu begleiten und zu unterstützen. Im vorhin genannten Schrank sind dafür auch viele hilfreiche Dinge, wie die Tageslosungen, Bibeln oder geistliche Impulse. Manchmal gehe ich auch mit Patient:innen in die Kapelle oder lese ihnen das Wort für die Woche aus der Zeitung vor. Seit der Ausbildung fühle ich mich nochmal besonders bestärkt darin und erlebe die Sinnhaftigkeit noch viel mehr. Die mir entgegengebrachte Wertschätzung gibt mir viel Kraft.
VEDD: Sie haben auch Ihre Abschlussarbeit zu einem diakonischen Thema geschrieben, oder?

Feldmann: Genau. Die Arbeit heißt „Menschen diakonisch berühren und gestalten“, da ging es um die eigene diakonische Identität. Wer oder was treibt mich in meinem Dienst am Menschen an? Ich gehe der Frage nach, ob das Gleichnis des barmherzigen Samariters noch zeitgemäß ist, oder ob es sich im Zuge unserer individualistischen, pluralistischen Lebenswelt überholt hat. Ich habe meine Kolleginnen mittels Fragebogen befragt, wie sie ihre Arbeit in Bezug zum Gleichnis des barmherzigen Samariters sehen. Sie müssen wissen, im Eingangsbereich des Krankenhauses steht eine Skulptur zu dieser Geschichte, sie ist also sehr präsent bei uns. Eine Kollegin hat ein besonders schönes Statement aufs Papier gebracht: Der barmherzige Samariter kommt nie aus der Mode. Das hat mir wirklich gut gefallen, denn das vergisst man im Krankenhaus manchmal, weil alles so schnelllebig ist. Ein bisschen macht mich das auch stolz und dankbar in so einem Team zu arbeiten, wo diese dahinterstehenden Werte gesehen werden.
VEDD: Können Sie sich auch vorstellen, in einem anderen Arbeitsfeld zu arbeiten?
Feldmann: Grundsätzlich finde ich, ich bin hier genau richtig. Ich könnte als Diakonin jetzt auch noch andere Aufgaben übernehmen. Ich würde mich gern mehr vernetzen, zum Beispiel mit der Ethikabteilung oder auch mit den Krankenhausseelsorgern, ich bin ja wirklich engagiert, aber ein bisschen muss es dann doch von beiden Seiten gewünscht sein und sich auch nach außen hin abbilden. Da wird gerne von Interdisziplinarität gesprochen, aber diese müsste dann auch gelebt werden.
VEDD: Sie sind auch Mitglied in der Diakonischen Gemeinschaft Nazareth geworden, oder?
Feldmann: Ja, und in dieser Gemeinschaft fühle ich mich total gut aufgehoben und unterstützt. Wir haben zum Beispiel einen Arbeitskreis, in dem wir uns regelmäßig treffen, da kann ich mich einfach austauschen, wenn mich etwas belastet, das tut gut. Die Gemeinschaft ist mir sehr wichtig geworden. Ich kann mich rückversichern, wenn mir etwas unklar ist, ich kann immer wieder überprüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn dieser mal holprig ist.
VEDD: Vielen Dank für Ihre Zeit.
