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Diakonische Verantwortung – ein Praktikum in Brasilien

Sarah Gatawi, die Diakonik an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe studiert, hat ein Auslandssemester in Brasilien gemacht. Da der VEDD dieses finanziell unterstützt hat, hat die Studentin einen Praktikumsbericht verfasst, der hier in Auszügen dargestellt wird:

„[…] Ich absolvierte mein Praxissemester im Ausland und arbeitete somit in der ONG Alem-Brasil. Dort lernte ich eine Facette an diakonischer, sozialer und gemeindlicher Arbeit kennen. Die Organisation beschäftigt sich primär mit sozialer missionarischer Arbeit im Bereich des Sports, hauptsächlich Fußball. Diese bestehen beispielsweise aus Trainingsangeboten für Kinder und Jugendliche sozial schwacher Schichten, welche mit gemeinsamen Gebeten oder Andachten vorm Training sowie teilweise mit Hilfen wie Unterstützung durch Lebensmittelpakete verbunden sind. Darüber hinaus bietet die Organisation noch weitere vielseitige Projekte an, wie kostenlosen Gitarren- oder Tanzunterricht, oder die Leitung einer neu gegründeten Gemeinde in einer Favela. An einem Standort, welchen ich nur einmal besuchte, gibt es ebenfalls eine Entzugseinrichtung für suchterkrankte Männer. Außerdem besuchte ich ebenfalls die Arbeit weiterer Organisationen, welche soziale Edukationsprogramme für Kinder mit einem Risiko zur negativen Entwicklung anbieten oder seelsorgerliche Programme in Schulen und Jugendstrafanstalten.

Etwas Wesentliches, was ich in meiner Zeit vor Ort gesehen habe, ist die Verantwortung, die die Gemeinden in Brasilien für gesellschaftliche Probleme und diakonische Arbeit übernehmen. Jede Gemeinde, die ich dort besuchte, hatte mindestens ein sozial-diakonisches Projekt für ihre Nachbarschaft. Man merkt eine regionale Verbundenheit zu der eigenen Nachbarschaft – sei es durch soziale Projekte, Gebet oder Kontaktaufnahme zu den Anwohner:innen. Diese besagten Projekte reichen von Unterstützung der Versorgung der Grundbedürfnisse, beispielsweise durch Lebensmittelspenden, über kulturelle Angebote wie Musik und Sport bis hin zu spirituellen Bedürfnissen in Form von Gottesdiensten, Andachten und Gebeten. Ich konnte von der Kreativität der verschiedenen Gemeinden lernen. Die Personen haben oft ihre Leidenschaft mit der Mission, Gottes Liebe an die Nächsten weiterzugeben, verbunden und aus verschiedenen Vorlieben ein Projekt gemacht. So fanden sich Tanzprojekte, musikalische Angebote oder einfach Vormittags-/ Nachmittagsbetreuung für Kinder. Eine Tanzgruppe einer Gemeinde trat an verschiedenen Orten auf und erzählte mit ihren Tänzen ebenfalls die Frohe Botschaft. Bei anderen Projekten wird dies beispielsweise durch Theater weitergegeben. Während viele Projekte natürlich auch einen unterhaltenden Charakter haben, sind drei Merkmale in häufig verbreitet: erstens, die Unterstützung zu einem besseren Leben (entweder trotz sozial schwieriger Umstände oder sogar Hilfe aus diesen hinaus), zweitens der edukative Aspekt, wo es um Wertevermittlung ging, und drittens, der missionarische Aspekt. Bei jedem Projekt (außer, wo es rechtlich nicht möglich war) sah ich das Anliegen der Leute, Gottes rettende Botschaft weiterzugeben, zumeist auch (nicht nur!) mit Worten und Andachten. Als ich bei einer Leiterin eines Projektes nachfragte, wieso alles mit Gott und der Weitergabe des Glaubens verbunden sei, antwortete sie in etwa: Das Leben von ihnen [der Kinder an diesem Ort] hat nicht viel Perspektive. Und nur Gott kann dies ändern. Daher stellen wir ihnen Gott vor und laden sie zur Kirche ein, wo sie Gott kennenlernen können und wie er ist. Ich lernte Geschichten kennen, wo Gott tatsächlich das Leben von Menschen prägend verändert hatte. Diese Einstellung des Vertrauens auf Gott und seine helfende Macht untermalt die Projekte.

Außer der Kreativität zeichnet sich die diakonische Arbeit der Gemeinden auch mit Mut aus. Die Gemeinden arbeiten in Bereichen, wo sich manch andere Person nicht hin trauen würde. Beispielsweise gibt es verschiedene Projekte in Gefängnissen und Jugendstrafanstalten, mit Obdachlosen auf der Straße oder auch mit Drogenabhängigen. Dabei gingen auch Ehrenamtliche in diese Gebiete und begegneten den Menschen dort. So konnte auch ich verschiedene Lebensrealitäten kennenlernen, indem ich beispielsweise in Jugendstrafanstalten oder Favelas war, und habe an Erfahrung reifen können, welche für authentische diakonische Arbeit wichtig ist.

[…]

Das Konzept der Arbeit einer Organisation blieb bei mir besonders hängen: die Organisation MPC Brasil (welche auch weltweit vertreten ist) arbeitet ehrenamtlich in seelsorgerlicher Arbeit in Schulen. Dabei war es nicht so, dass die (durch eine Schulung ausgebildeten) Ehrenamtlichen nur in einem Raum saßen und man bei Problemen zu ihnen kommen konnte, sondern sie besuchten die Klassenzimmer und waren anschließend noch erreichbar. In den Klassenzimmern fand immer ein kurzer interaktiver Impuls statt, welchen man auch als Gedankenanstoß und präventive Arbeit bezeichnen könnte. Nach einem thematisch passendem Spiel wurde fünf bis zehn Minuten über ein Thema oder einen Wert geredet wie Vergebung oder Ehrlichkeit (dabei wurde viel auf Beziehungen und Familie bezogen). Diese Sessions waren auch nicht auf die christliche Religion bezogen oder beschränkt, wenn auch die Werte im christlichen Glauben eine wichtige Rolle spielen. Im Nachhinein sind die Ehrenamtlichen z.B. im Pausenraum für die Schüler:innen ansprechbar, falls es Gesprächsbedarf gibt. Diese Kombination aus präventiver und seelsorgerlicher Arbeit sowie generell das Angebot zur seelsorgerlichen Begleitung in Schulen ist auch in Deutschland erfordert und sollte intensiver ausgebaut werden. Sie könnte vor allem von Gemeinden im Dienst an Nächsten und an der nächsten Generation verantwortlich mit übernommen und koordiniert werden.

Ich lebte in einer Gegend, welche auf dem Papier noch eine Favela war, jedoch infrastrukturell bereits fortgeschrittener ist. Gleichzeitig bereiste ich auch andere wohlhabendere Gegenden und sah touristische Orte, sodass sich mir der Unterschied zwischen arm und reich auftat. Dabei bemerkte ich die teilweisen parallelen Welten, die sich auftun, wenn man die sozialen Schwierigkeiten direkt in der Nachbarschaft in gewisser Weise einfach ignoriert und in seiner Welt lebt. Diese Trennung kann nur aufgelöst werden, wenn verschiedene Lebenswirklichkeiten zur Sprache kommen (was in vielen Gemeinden durch die Projekte geschieht) und Begegnungen stattfinden. Darüber hinaus darf es jedoch nicht zu einem helfenden Machtgefälle kommen, sondern auch ein gemeinsames Miteinander auf Augenhöhe, z.B. in der Gemeinde im Gottesdienst, sein. Auch in Deutschland sehe ich die Aufgabe der Kirche, Mauern abzubauen, indem soziale Umstände zur Sprache kommen und vor allem Menschen aus unterschiedlichen Lebensumständen eine Stimme bekommen. Die Kirche darf sich als helfende Hand in Schwierigkeiten verstehen, hat aber die Verantwortung, dass dies nicht der einzige Kontaktpunkt ist, sondern sich Menschen aus unterschiedlichen Bereichen auf Augenhöhe im Miteinander begegnen, beispielsweise durch gemeinsame Gruppen und im Alltag.

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Das Praktikum war für mich ein lehrreiches Erlebnis. Ich konnte durch die vielen Erfahrungen eine erweiterte Perspektive bekommen, was mir in der Begegnung im diakonischen Alltag hilft, Menschen ernst zu nehmen und ihnen professioneller zu begegnen.

Ich habe gelernt, wie die diakonische Arbeit als ein wesentlicher Bestandteil des Gemeindelebens zu verstehen ist und auf kreative vielfältige Art an die jeweiligen Bedürfnisse der Nachbarschaft angepasst werden kann. In Gemeinden sollte die Hemmschwelle, neue Ideen einzubringen, so niedrig wie möglich gehalten werden, damit Menschen nicht nur den Dienst am Nächsten als ihre Pflicht sehen, sondern mit ihren persönlichen Leidenschaften verbinden und Gemeinschaft leben können. Die Diakonie kann ihre Rolle darin sehen, den Blick der Kirchen wieder auf ihre direkte Nachbarschaft zu richten und den Kontakt zu ihr weiter aufzubauen sowie Mauern abzubauen und Menschen aus verschiedenen Lebenslagen auf Augenhöhe zusammenzuführen. Gleichzeitig darf sie sich auch als unterstützende Hilfe verstehen, sollte aber kein Gefühl des „Ich-bin-besser“ aufkommen lassen.

Als Kirche können wir verschiedene Kulturen zusammenführen und voneinander lernen. Man kann als Gemeinde mit Kirchen oder Vereinen anderer Kulturen Kontakt aufnehmen und beispielsweise zueinander einladen oder eine gemeinsame Feier veranstalten. Da das Aushängeschild der Kirche die bedingungslose Liebe Gottes zu jedem sein sollte, ist es ein Teil ihrer Aufgabe, Vorurteile abzubauen und Menschen zusammenzubringen – sei es kulturell oder sozioökonomisch. Es soll eine Gemeinschaft sein, Vielfalt darf wertgeschätzt werden.

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