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Gut im Kontakt halten

Im Gespräch mit Barbara Mann, Klaus Hinck, Theda Kruse und Silke Trillhaas vom Diakoniekonvent Lutherstift in Falkenburg über die Geschichte der Gemeinschaft, die Bedeutung von Kunst und Kultur und über geschwisterliche Streitkultur.

VEDD: Bitte stellt euch kurz vor. Wer seid ihr und was verbindet euch mit dem Lutherstift?

Videokonferenz zum Interview
Im Interview mit den Geschwistern aus dem Lutherstift in Falkenburg

Barbara: Ich heiße Barbara Mann und bin fast 70 Jahre alt. Ich bin seit vier Jahren im Lutherstift. Ich hatte schon lange vor, einzutreten, eigentlich schon seit meinem berufsbegleitenden Religionspädagogik-Studium in den 90er Jahren in Falkenburg. Nun bin ich in Rente und es wurde für mich Zeit, einen Ort zu suchen, an dem meine eigene Spiritualität eine Rolle spielt.

VEDD: Wow, das ist ja eine lange Geschichte der Treue.

Barbara: Ja, ich bin schon lange mit dem Lutherstift verbunden, aber eben erst seit vier Jahren Mitglied. Ich habe immer den Rundbrief erhalten und ich wusste auch, wenn ich einer Gemeinschaft beitrete, dann dieser. Für mich ist das wie nach Hause kommen. Ich arbeite jetzt auch selbst mit, in der AG Veranstaltungen für die Kulturkirche, in der Werkstatt Spiritualität und schreibe auch mal für den Rundbrief.

Klaus: Bei mir ist es sogar noch länger her. Ich bin einer der letzten, der seine Diakonenausbildung 1969 im Lutherstift in Falkenburg begonnen hat. 1971 wurden alle Gemeindehelferinnenseminare und die beiden Diakonenausbildungsstätten im Seminar für kirchliche und diakonische Berufe im Stephansstift in Hannover zusammengeführt. Die Nachfolgerin des Seminars war die Evangelische Fachhochschule Hannover und heute die staatliche Hochschule Hannover. Mein Examen war 1974. Mitglied im Diakoniekonvent Lutherstift bin ich seit 1976. Seitdem bin ich dabei, mal nah dran, mal weiter weg. Bis vor drei Jahren war ich Vorsitzender und davor schon im Konventsrat. Auch jetzt arbeite ich noch in verschiedenen Projekten mit. Ich bin 74 Jahre alt und fühle mich nicht alt, aber ich zähle wohl zu den Älteren.

VEDD: Was ist denn das Durchschnittsalter in eurer Gemeinschaft?

Theda: Da müsste ich rechnen. Wir sind 103 Geschwister, zwei Drittel davon sind über 70, die anderen jünger.

Silke Trillhaas
Silke Trillhaas

Silke: Ich bin Silke Trillhaas, ich bin genauso alt wie Klaus. Ich werde gerne älter, das ist für mich nichts Schlimmes, auch wenn ich gesundheitlich stark eingeschränkt bin. Trotzdem ist diese Lebensphase für mich spannend. Mein Mann und ich sind 1982 im Lutherstift eingetreten. Mein Mann hat einen FEA-Kurs in Falkenburg gemacht und kam davon ganz erfüllt nach Hause, geflasht würde man heute sagen. Er meinte dann, das sei auf jeden Fall etwas für uns. Eigentlich hatte er die Ausbildung als Diakon in Rummelsberg gemacht und war dort eingesegnet worden. Ich hatte auch den Bräutekurs absolviert, aber mit aufgestellten Nackenhaaren, muss ich sagen. Ich wollte keine Brüderfrau sein. Mein Mann ist dann 1975 ausgetreten, uns beide hat das Hierarchische und Patriarchale gestört. Trotzdem waren wir auf der Suche nach einer spirituellen Gemeinschaft, die wir dann in Falkenburg gefunden haben. Für mich war es besonders wichtig, dass Frauen mit Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit in die Gemeinschaft integriert wurden. Wir hatten sehr viele intensive, hochphilosophische Gespräche am Sandkasten – da hatten wir alle noch kleine Kinder. Ich wurde dann sehr aktiv im Bereich feministische Theologie und im Konventsleben. Heute habe ich etwas mehr Abstand, auch räumlich, wir wohnen jetzt in Südbaden, dort habe ich ein sehr gutes Stellenangebot gehabt und wir sind vor 20 Jahren hergezogen. Mittlerweile bin ich natürlich Pensionärin. Davor habe ich lange Pflege, Ethik und Biologie unterrichtet an beruflichen Schulen und hatte einen Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule in Freiburg im Bereich Schulpädagogik.

Theda: Ich habe Religionspädagogik studiert und 1982 Examen gemacht. Ich hatte Feuer gefangen, als ich einen Moral- und Ehtikkurs in Falkenburg gemacht habe. Vor allem hat mich die Art begeistert, wie gemeinsam Andacht gefeiert wurde. Und ich fand es spannend, die Frauen in der Bibel kennenzulernen. Ich bin 1986 in den Konvent eingetreten. Der Konvent hat mich durch eine große Lebenskrise getragen. Ich habe hier so viel gefunden. Jetzt bin ich seit drei Jahren Vorsitzende. Ich habe viel Rückenwind für diese Rolle bekommen und gebe dem Konvent gern etwas zurück.

VEDD: Ihr habt durch eure Vorstellungen schon einige meiner Fragen beantwortet. Trotzdem habe ich noch ein paar. Was macht die Gemeinschaft für euch zu etwas Besonderem?

Barbara Mann
Barbara Mann

Barbara: Die Offenheit. Ich habe keine kirchliche Sozialisation, aber diese Frömmigkeit spricht mich an, weil sie so offen kommunikativ ist. Ich kann mich einbringen, auch mit kritischen Fragen und muss meine eigene Frömmigkeit dabei nicht vor mir hertragen.

Theda: Ich finde unsere Streitkultur faszinierend. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und mit Respekt. Wir hören hin und wir hören uns zu. Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wollen wir uns verstehen und kommen dann durch ganz viel Austausch zu einem Ergebnis.

Klaus: Ich habe das auch anders erlebt. Ich habe Falkenburg in vielen Phasen als geistliche Heimat bezeichnet, das war vor allem als Ausgleich wichtig, als ich noch im Dienst war. Vor allem die Gottesdienste und spirituellen Veranstaltungen waren mir sehr wichtig. Im Moment bin ich aber etwas im Zwiespalt, ich glaube das ist ein Generationenthema. In meinem Regionalkonvent sind viele jüngere Geschwister, die erleben eher den Regionalkonvent als Heimat. Sie sagen, sie brauchen den Anschluss an den Konvent nicht unbedingt. Und ich bin das Bindeglied, das ist manchmal schwierig. Wir brauchen mehr Pluralität, auch mit Blick auf die Orte, wo Lebensfragen miteinander besprochen werden können. Denn auch in den Regionalkonventen findet geistliches Leben statt.

Silke: Ich weiß die Streitkultur sehr zu schätzen. Das erste Mal habe ich das erlebt, als es um die Frage ging, ob Frauen aufgenommen werden. Da ging es hoch her, das war eine solche Spannung. In dem Moment dachte ich, es explodiert gleich. Aber ich hatte immer das Gefühl, es wird zugehört, alle können etwas beitragen, das hat mir viel Triebkraft gegeben. In Rummelsberg hatte ich das so nicht erlebt. Hier konnte ich mir erlauben, meine eigene Meinung zu sagen. Wir konnten immer diskutieren und später dennoch fröhlich zusammensitzen. Deshalb fühle ich mich auch trotz räumlichem Abstand immer noch zugehörig zum Konvent.

Klaus: Ich habe noch eine unserer Schwestern in Erinnerung, die bei dieser Diskussion sagte: Wenn ihr euch weiter Brüderschaft nennen wollt, dann muss ich gehen. Das war wirklich eine Sternstunde der Auseinandersetzung.

VEDD: Klaus und Silke, ich möchte euch gern nach eurer Geschichte fragen, weil wir schon so schön beim Thema sind. Woher kommt eure Gemeinschaft?

Klaus Hinck
Klaus Hinck

Klaus: Gegründet wurde die Gemeinschaft 1920 in Rotenburg/Wümme, damals eine Männergemeinschaft. Wir sind von Brüdern des Stephanstifts in Hannover gegründet worden, auch wenn das lange nicht mehr im Bewusstsein war. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand der Wunsch, im Norden Niedersachsens auch eine Gemeinschaft zu haben. Die Brüder waren vorwiegend in der Pflege tätig. Erst nach und nach sind andere Arbeitsfelder dazu gekommen, zum Beispiel im Bereich der Sozialarbeit und der Gemeindepädagogik. Wir haben auch schon bald Menschen aus anderen Berufsgruppen aufgenommen. 1955 sind wir erst nach Adelheide und 1958 dann nach Falkenburg umgesiedelt. Das war jetzt ein absoluter Schnelldurchlauf durch die Geschichte.

Silke: Ich kann noch ein bisschen ergänzen. Am Anfang waren hauptsächlich junge Männer, die in der Psychiatrie als Pfleger gearbeitet haben, Mitglied. Und dann kam der evangelische Hilfsanspruch als Gedanke Wicherns dazu und die Erziehungsarbeit wurde wichtiger. Daraus ist dann die Gemeindearbeit entstanden. Es gab noch viele weitere Impulse, die Änderungen gebracht haben. Beispielsweise, als andere Berufsgruppen dazu kamen oder als junge Brüder sich Richtung Kirchenmusik weiterentwickelt haben. Jugendsozialarbeit ist in der Zeit auch in den Fokus gekommen, also die Aufnahme von jungen Menschen, die nach dem Krieg auf der Straße waren und irgendwie in Ausbildung kommen mussten.

Klaus: Während des Krieges waren es übrigens die Brüderfrauen, die den Konvent am Laufen gehalten haben und die die Arbeit ihrer Männer übernommen haben, die an der Front waren.

Silke: Wir haben auch ein Buch über die Leistung der Frauen im Lutherstift. In einem Interview hat eine der Frauen gesagt, sie sei nur zähneknirschend wieder in die zweite Reihe zurückgegangen. Und das ging vielen Frauen so, die im Hintergrund immer dabei waren. Ohne sie hätte es nicht funktionieren können.

VEDD: Wann war es dann so weit, dass Frauen Mitglied der Gemeinschaft werden konnten?

Silke: Das war 1980.

Klaus: Nein, das muss eher gewesen sein.

Silke: Ja, die im Lutherstift ausgebildeten Diakoninnen und Gemeindehelferinnen konnten bereits nach dem Examen den Antrag auf Mitgliedschaft stellen. Doch für Brüderfrauen, die nicht die Ausbildung gemacht hatten, war erst 1980 die Vollmitgliedschaft möglich. Nicht alle Brüderfrauen haben sich dazu entschlossen. Seitdem ist es auf jeden Fall bunt und vielfältig geworden.

VEDD: Theda, wofür setzt ihr euch als Gemeinschaft ein?

Theda: Dieses Jahr ist unser Jahresthema „Nie wieder – Perspektiven des Widerstehens heute“. Wir planen verschiedene Veranstaltungen, zum Beispiel eine Lesung mit Musik, eine Ausstellung und ein interreligiöses Gespräch.

Barbara: Wir sind in den letzten Jahren zur Kunst- und Kulturkirche geworden. Statt der Bildungsstätte haben wir heute das Konventshaus. Wir wollten von Anfang an einen Ort schaffen, an dem sich Menschen begegnen können. Vergangenes Jahr war unser Thema „80 Jahre und kein Ende“. Bei den Veranstaltungen haben wir Musiker und Künstler mit dabei und beschäftigen uns mit einem bestimmten Thema, zum Beispiel dem Frauen- und Männerbild im Nationalsozialismus. Wir haben auch schon eine Ausstellung über Harmut Berlinicke gezeigt, der Radierung über seine Zeit in Ausschwitz gezeichnet hat. Bei der Ausstellungseröffnung war eine jüdische Kantorin mit dabei und wir haben gemeinsam Psalmen gesungen. Wir hatten auch schon Veranstaltungen zu Dietrich Bonhoeffer. Unser Programm ist wirklich ausgesprochen vielfältig. Wir haben Gäste aus Oldenburg, aus Bremen, aber natürlich auch aus Falkenburg und Ganderkesee.

VEDD: Wie kommt es, dass ausgerechnet Kunst und Kultur für euch so wichtig ist?

Barbara: Weil in der Kunst und Kultur und ebenso in den vielen unterschiedlichen Gesprächsformaten über gesellschaftliche Themen viele Zugänge zu religiösen Inhalten liegen, die man so auf andere Art darstellen kann, also durch Bilder, Musik oder Sprache.

Theda Kruse
Theda Kruse

Theda: Uns war es sehr wichtig, das Haus mit Leben zu füllen. Wir mussten uns neu aufstellen, nachdem die Bildungsstätte von der Landeskirche eingestellt wurde. Wir wollten uns von Anfang an für Menschen aller Religionen öffnen. Kultur ist dafür eine sehr niederschwellige Möglichkeit.

Barbara: Uns ist es auch wichtig, generationsübergreifende Themen zu finden, auch wenn wir im Lutherstift schon eher überaltert sind. Der Austausch mit Jüngeren bereichert uns, doch dazu brauchen wir eben auch aktuelle Themen, um sie anzusprechen. Deshalb ist auch Politik ein Thema für uns, zum Beispiel der der aktuelle Rechtsruck und wie man diesem über Sprache begegnen kann.

VEDD: Ich finde, ihr klingt kein Stück überaltert, ihr wirkt jung, frisch, hochdynamisch und motiviert. Das beeindruckt mich sehr.

Klaus: Wir haben uns immer als diakonisch-geistliche Gemeinschaft verstanden. Wir haben auch schon immer ein Quartier für Durchreisende angeboten, das es bis heute gibt. Außerdem haben wir das Laurentiushaus als Hospiz verpachtet. Es geht uns also nicht nur um Bildung, sondern auch um diakonische Themen.

VEDD: Welche Orte neben eurem Konventshaus habt ihr denn noch?

Theda: Die Laurentiuskapelle spielt eine zentrale Rolle für unser geistliches Leben. Daneben gibt es unsere Regionalkonvente überall in Deutschland, mittlerweile haben wir auch einen digitalen Regionalkonvent. So können wir Kontakt halten und miteinander vernetzt sein. Unser ältester Konvent ist der am Gründungsort Rotenburg an der Wümme, dort sind alle über 80 Jahre alt. Wir sind gut darin, Kontakt zu halten, telefonisch, über Briefe oder Besuche. Und wir halten Fürbitte füreinander. Da fällt mir ein: Wir haben unser Refugium als wichtigen Ort noch nicht benannt. Das sind fünf Brüder und Schwestern, die hier vor Ort leben und das geistliche Leben aufrecht halten. Montag, Mittwoch und Freitag feiern sie die Mette und einmal im Monat eine Fürbitt-Andacht, wo aller Schwestern und Brüder gedacht wird, die es gerade schwer haben im Leben. Das Refugium ist wichtig für uns. Wir hatten es eigentlich als Ruhestandsort für Brüder und Schwestern geschaffen, aber heute zeigt sich, dass die meisten lieber an ihren Lebensorten bleiben und im Alter nicht hierhin zurückkommen.

Barbara: Wir suchen auch Wege, um beieinander zu bleiben. Der Weg nach Falkenburg ist für viele ältere Geschwister beschwerlich, wir haben zwar eine Zugverbindung von Hannover aus, aber Falkenburg liegt wirklich weit außerhalb. Deshalb ist der Regionalkonvent so wichtig und das telefonische Kontakthalten. Wir nutzen auch moderne Technik, um Menschen die Teilnahme an unseren Veranstaltung zu ermöglichen, beispielsweise durch Hybrid-Übertragungen.

VEDD: Was wünscht ihr euch für eure Gemeinschaft mit Blick auf die Zukunft?

Barbara: Neben den vielen Veranstaltungen im Konventshaus wünsche ich mir, dass der Rundbrief weiter so vielfältig bleibt. Und dass wir weiter auf Social Media aktiv sind, auf Facebook und auf Instagram, da kann man mit uns Kontakt aufnehmen. Auf unserer Homepage gibt es wunderbare Schriften zu unterschiedlichen, religiösen Themen, das kann auch für Studierende ein gutes Angebot sein. Ich wünsche mir, dass wir mit unseren Angeboten weiter vielfältige Menschen unterschiedlichen Alters erreichen und dass wir gut im Austausch sind.

Klaus: In der Hospizarbeit haben wir den Grundsatz „Leben bis zuletzt“ und das wünsche ich mir auch für unseren Konvent. Wir machen aus jeder Situation das, was möglich ist, wir schieben nicht auf, sondern leben.

Theda: Dem kann ich mich anschließen. Mir geht es auch so: Ja, ich denke schon an die Zukunft, aber schaue auf morgen oder längstens ein Jahr weiter. Nicht weiter, denn das kann ich nicht überblicken.

Barbara: Ich hoffe auch, dass wir unseren Ideenreichtum behalten. Und dass weiterhin alle ihren Blickwinkel einbringen können, auch die kritischen und ängstlichen, und dass wir uns trotzdem gemeinsam auf den Weg in die Zukunft machen.

Silke: Ich wünsche mir auch weiterhin die Offenheit für neue Medien. Ich bin so glücklich, dass es die Möglichkeit gibt, einen digitalen Regionalkonvent zu besuchen, es macht mir gar nichts aus, dass das nur am Bildschirm stattfindet. Wir lachen dennoch miteinander und begegnen uns offen und führen gute Gespräche. Ich finde es wichtig, miteinander lachen zu können, man muss sich wirklich nicht dauernd so ernst nehmen.

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