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Runde „Frauen-Jubiläen“ in der Schwestern- und Brüderschaft des Evangelischen Johannesstifts in Berlin

„Der Kairos, der richtige Zeitpunkt“

Zur Zeit „runden“ sich viele Ereignisse am Wichern-Kolleg und in der Schwestern- und Brüderschaft: 50 Jahre Diakoninnen-Ausbildung, 51 Jahre Mitgliedschaft von Frauen in der Gemeinschaft, 30 Jahre Umbenennung in „Schwestern- und Brüderschaft“, 20 Jahre erste Diakonin im Ältestendienst. Ein Blick zurück:

1974 ist für das Wichern-Kolleg ein historisches Datum: Die ersten Frauen schließen ihre Ausbildung als Diakoninnen ab. Christel Hellwig ist eine dieser Pionierinnen, die vor 50 Jahren als Diakonin eingesegnet wurde. Später war sie gemeinsam mit ihrem Mann Martin von 1989 bis 1999 Hausleitung – damals noch „Hausmutter“ genannt – im Haus der Schwestern und Brüder – damals noch „Brüderhaus.“ Dazu später mehr.

Noch sind wir im Jahre 1974. In der damaligen Brüderschaft wird eine neue Ordnung beschlossen. Nun heißt es:

„DER AUFTRAG:
Die Brüderschaft des Evangelischen Johannesstifts ist eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die auf der Grundlage der Heiligen Schrift und im Glauben an Jesus Christus für den diakonischen Dienst in der Welt tätig sind.“

Damit wurde formell die Mitgliedschaft von Frauen begründet. Dies hatte natürlich einen langen und kontrovers diskutierten Vorlauf und einen sozial-politischen Hintergrund. Überall in Gesellschaft, Kirche und Diakonie war das „Frauenthema“ präsent. Auch in der damaligen Brüderschaft. 1973 war die erste Frau, eine Krankenschwester aus dem Evangelischen Johannesstift, in die Brüderschaft eingetreten. Pfarrer Horst Becker, Stiftsvorsteher von 1953 bis 1976, schreibt in seinen Erinnerungen: „Vor allem wurde jetzt auch die Frau aufgenommen. Letzteres war sicherlich im Zeitalter der Emanzipation eine richtige Entscheidung… Wie sollte man auch die Frau, die inzwischen zu allen Berufen, auch zu den kirchlichen, den Zugang gefunden hatte, gerade von einem Beruf oder Dienst, wie dem diakonischen, ausschließen, für den sie oft noch bessere Voraussetzungen mitbrachte als der Mann.“

Da Frauen nun als Diakoninnen ausgebildet wurden und in die Brüderschaft eintreten konnten, stellte sich zunehmend die Frage nach der Namensgebung. War „Brüderschaft“ und „Brüderhaus“ noch die richtige Bezeichnung?

Der Prozess der Umbenennung brauchte Zeit und bekam erst 1991 Tempo (zeitgleich mit dem Zusammenwachsen der Brüderschaften Stephanusstift in Weißensee und Johannesstift nach dem Mauerfall). Diakonin Silke Krenzer, damals Diakonenschülerin, erinnert sich: „Beim Brüdertag 1991 haben wir Transparente über den Schildern angebracht: Über der Tür des Brüderhauses stand Haus der Brüder und Schwestern und an der Wand Geschwisterhaus.“ Der Anstoß wurde im Gesamtkonvent aufgegriffen und eine Arbeitsgruppe, der sie als Studierendenvertreterin angehörte, entwickelte verschiedene Ideen. 1993 war es endlich soweit: „Schwestern- und Brüderschaft“ lautete der neue Name. „Ehrlich gesagt, ich wäre nicht eingetreten, wenn es nicht zur Umbenennung gekommen wäre“, sagt Silke Krenzer. „Aber da war das gute Gefühl, etwas bewegt zu haben. Wir ernteten die Vorarbeit vieler Frauen. Nun kam der Kairos, der richtige Zeitpunkt.“

Und heute? Haben wir zwei Älteste – Jutta Böhnemann-Hierse war 2003 die erste Frau in dieser Position, was damals noch ein besonderes Ereignis darstellte. Als 20 Jahre später Claudia Dorn-Jarchow als zweite Frau in das Ältestenamt eintrat, war „die Frauenfrage“ kein Thema mehr.  Die Gemeinschaft hat aus ihrer Geschichte gelernt und stellt sich heute die spannende Frage, wie sie der großen Vielfalt ihrer Mitglieder Raum geben und gerecht werden kann. Aber das ist das nächste Kapitel unserer Geschichte…

Text: Diakonin Jutta Böhnemann-Hierse, Diakonin Claudia Dorn-Jarchow
Bilder: Diakonin Barbara Seybold & Archiv

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