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Spuren­suche in Bad Kreuznach und der Weltgeschichte

Diakonie Kreuznach - Helmut Luckert

BAD KREUZNACH/WINNENDEN/NAGOLD. „Wir haben starke Wurzeln“ steht im Leitbild der Stiftung kreuz­nacher diakonie. Seit 1931 werden hier Diakone ausge­bildet. Menschen, für die der Glaube, Werte, Haltung und Verant­wortung wichtig sind. Karl Luckert aus Winnenden nahe Stuttgart war 1936 Probe­bruder in Bad Kreuznach. Das belegen Akten der Stiftung, die nun sein Sohn Helmut in Händen hält. Anhand der Akten arbeitet Luckert sich durch die Lebens­ge­schichte seines Vaters und damit durch ein Stück Zeitge­schichte, das auch die nachfol­genden Genera­tionen geprägt hat – ohne dass er jemals den Vater kennen­ge­lernt hätte. Denn Karl Luckert ist seit 1944 vermisst.

Zwei Fotos stehen für die Lebens­ge­schichten zweier Männer, die sich nie begegnet sind, die aber eng mitein­ander verbunden sind. Es ist ein zurück­hal­tendes Lächeln von Karl Luckert, der mit einer Butte voller Trauben in seinem Weinberg steht, das die Betrachter in die Geschichte hinein­zieht. Das zweite Bild zeigt Helmut Luckert aus Winnenden, jahrelang aktiver Pfarrer und seit 2007 rühriger Ruheständler in Nagold im Schwarzwald:

Zwei Menschen, die unabhängig vonein­ander jeder auf seine Weise in weltbe­we­genden Zeiten ihre Stand­punkte einge­nommen hatten. „Ich stelle mir meinen Vater als einen verant­wor­tungs­be­wussten, klugen und wissbe­gie­rigen, und dabei sensiblen und auch verletz­baren Menschen vor”, erzählt der Sohn, der heute 77 Jahre alt ist, und keines­falls ein Heldenbild zeichnen möchte.

Glaube, Religion haben ihn — den Sohn – schon in der Kindheit geprägt. Der Vater galt als vermisst, wie so viele Väter nach dem Krieg. Geredet wurde über ihn fast nicht. Es war eine Kindheit in Armut, mit viel Freiheiten in einem Frauen­haushalt. In der Jugend der 60er und 70er Jahre hat er seine Position einge­nommen — friedens­po­li­tisch und ökolo­gisch engagierte er sich: „Und gegen alles, was rechts ist!“ Das ist bis heute so geblieben. Seine Frau Elvira hat „Omas gegen rechts“ in Nagold mitbe­gründet. „Wir waren überzeugt, dass sich die Dinge zum Besseren verändern lassen. Ganz Vieles, was zwischen­zeitlich auch anders und besser geworden. Unser Leben in unserem freiheitlich demokra­ti­schen Rechts­staat ist eine ganz große Errun­gen­schaft und ein unglaub­liches Geschenk. Dies gilt es zu pflegen, zu schützen, zu bewahren und ständig neu mit Leben zu füllen.“

Von dem unbekannten Vater hat Helmut Luckert bis zum Tod der Mutter und Tanten nur ein diffuses Bild. Vermisst hat er ihn nicht, verbunden fühlte er sich trotzdem. Und so beginnt er im Renten­alter mit der Suche nach dem Mann, von dem er bis dahin nur weiß, dass er Winzersohn und später Soldat war. Irgendwo in dem Knäuel aus erinnerten Erzäh­lungen und Feldpost­briefen der Tanten findet sich ein loses Ende: Der Vater war in Bad Kreuznach „bei der Diakonie“.

Per Mail wendet er sich an die Stiftung. Doris Borngässer, Leiterin der Diako­nen­aus­bildung bei der Stiftung kreuz­nacher diakonie, wird fündig: „Anfragen wie diese werden immer mal wieder an uns heran­ge­tragen – meist von Hisrto­rikern und Autoren. Aber auch unsere Diakone und Diako­ninnen in Ausbildung nutzen bei ihren Recherchen für Arbeiten im Rahmen des Diako­nen­ex­amens hin und wieder das Archiv“.

Für Herrn Luckerts Anliegen hat sie schnell etwas in Händen: Alte Akten von 1936: Zeugnisse, Beurtei­lungen, Aufsätze… Bis heute verlangt die Ausbildung den künftigen Diakonen Reflek­tionen über Werte, Haltung und Verant­wortung ab – die Verwur­zelung im Diako­ni­schen — und beurteilt sie. Karl Luckert schreibt 1936 zunächst begeistert über Hitler, um aber am Ende folgenden Schluss zu ziehen:

„An die Stelle des leben­digen Gottes wird heute Blut und Rasse, also der von Gott geschaffene Mensch selbst gesetzt. Das Bekenntnis zu Jesus Christus wird heute als veraltet, als nicht artgemäß und des deutschen Menschen überhaupt als gar nicht würdig angefochten.” Kommentar des Lehrers damals: „Leider ist die Arbeit etwas einseitig politisch.” Karl Luckert bricht die Diakonen-Ausbildung irgendwann ab. Warum? Das wird nicht klar.

Er arbeitet aber in seiner Heimat­stadt Winnenden weiter als Pfleger in der Psych­ia­tri­schen Heilan­stalt. Er heiratet und muss wenige Monate später 1940 in den Krieg — zunächst als Wachsoldat nach Kassel, später nach Russland. Beim letzten Heimat­urlaub 1943 wird Helmut gezeugt. In einem Brief des Vaters liest der Sohn mehr all ein dreiviertel Jahrhundert später von den Zweifeln des Vaters: „Wir siegen uns so langsam rückwärts.“

Helmut Luckert hat der Vergan­genheit hinter­her­ge­forscht: „Wenn man in die Jahre kommt und Bilanz zieht, taucht plötzlich wieder die Frage nach den eigenen Wurzeln auf. Ich tue damit also zuerst mir selber einen Gefallen, vielleicht auch meiner Schwester Doris. Ich erwarte nicht, dass sich andere Menschen dafür inter­es­sieren.“ Es bleibt die Frage, ob die Geschwister doch etwas vom Vater geerbt haben, ohne ihm jemals begegnet zu sein.

Er vergleicht sich: „Vielleicht haben Doris und ich ja doch etwas geerbt von unsrem Vater, ohne ihm jemals begegnet zu sein. … Mein Vater wollte kirch­licher Diakon werden, was ihm verwehrt blieb. Ich durfte Pfarrer werden, wofür ich dankbar bin.“ So ist aus den Wurzeln mögli­cher­weise ein sehr leben­diger Baum geworden. Helmut Luckert hat seine Wurzen aufge­schrieben, erzählt von ihnen um „Nie wieder Krieg“ in den Köpfen der Menschen – vor allem junger Menschen zu verankern. Seine Enkel fragen ihn nach diesem Ur-Opa und so wächst weiter, was tief verwurzelt ist.

Die Stiftung kreuz­nacher diakonie ist Träger von Kranken­häusern, Hospizen, Senioren‑, Wohnungslosen‑, Kinder‑, Jugend- und Famili­en­hilfen, Sozial­sta­tionen sowie Wohnungen und Werkstätten für Menschen mit körper­lichen und geistigen Behin­de­rungen und psychi­schen Erkran­kungen. Die Stiftung unterhält Bildungs­stätten für Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen. 

Die Stiftung kreuz­nacher diakonie beschäftigt rund 6.800 Mitarbeitende. 

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