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Wittener Diakonin zog vor 43 Jahren nach Italien zu den Waldensern

Das Wappen der Waldenser: „Lux lucet in tenebris = Licht leuchtet in der Fins¬ternis“ – der Herr geht uns voran.

Erst arbeitete sie in Palermo, seit 22 Jahren in den Cottischen Alpen

Fast ihr ganzes Arbeitsleben arbeitet die Hevener Erzieherin Karola Stobäus in Italien. Nach ihrem Diakonenexamen im Wittener Martineum verließ sie 1979 Deutsch­land in Richtung Süden. Nicht etwa in die Toscana mag man denken, sondern nach Si­zilien in die Mafia-Stadt Palermo. Dort arbeitete sie im sozialen Brenn­punkt „La Noce“ mit Kindern und Jugendlichen. Träger dieser Einrich­tung ist die protestantische Kirche der Waldenser (*1), die als evangelische Minder­heit 130 Gemeinden in ganz Italien hat. Weltweit hat diese vorrefor­matori­sche Kirche rund 35.000 Mitglieder– davon 24.000 in Italien.
Michael Winkler (*2) sprach mit der Diakonin (65) via Skype über ihre interes­sante Gemeindearbeit in der Diaspora, über ihren Renteneintritt und über Weih­nach­ten.

Frau Stobäus, wie kamen Sie darauf, schon in jungen Jahren nach Südita­lien auszuwandern – so ganz ohne Sprachkenntnisse?

Ich wollte, bevor ich mich von einer deutschen Kirchengemeinde „vereinnah­men” lasse, erst eine Auslandserfahrung machen. Durch eine Studienreise nach Sizilien zu den Waldensern, lernte ich deren Arbeit kennen und habe direkt in Palermo angefragt, ob es möglich sei, zwei freiwillige Jahre dort zu verbrin­gen.Vor 40 Jahren war dort die Armut noch viel ausgeprägter als heute. In Pa­lermo habe ich gelernt zu sagen: Ich bin evangelisch.

Wie wurden Sie dort als Deutsche aufgenommen, akzeptiert oder gar inte­griert?

Ich bin in Witten in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen. Und wusste, wie die Gastarbeiter oft betitelt oder behandelt oder auch beurteilt wurden. Und habe daher in Palermo am Anfang immer versucht nicht „aufzufallen” – als Auslän-derin und „Gastarbeiterin”. Und habe dann die Erfahrung gemacht, dass ich von allen sehr gastfreundlich aufgenommen wurde. Mittlerweile lebe ich doppelt so lange in Italien wie in Deutschland. 22 Jahre in Witten, 22 Jahre in Palermo, dieses Jahr sind es 22 Jahre in den Waldenser Tälern. Ich habe beide Staats-angehörigkeiten: deutsch und italienisch. Deutschland ist Heimat, aber auch Italien ist Heimat geworden. Mit dem Bewusstsein immer Deutsche zu sein. Die Erziehung und die Kindheit prägen mehr als die langen Jahre hier in Italien.

In der Millionenstadt Palermo ist die katholische Kirche omnipräsent und die Chiesa Valdese eher eine Randerscheinung.

Die Katholische Kirche ist in ganz Italien omnipräsent! Eine Mehrheitenkirche, die bis 1984 Staatsreligion war. Und sich praktisch heute noch als solche sieht und verhält. Die Waldenserkirche ist eine wirklich kleine Minderheitenkirche, hat 1 % der Bevölkerung. Hier ist man der Meinung, Christen sind nur die Katholiken. Dass es auch noch die Orthodoxen und die Protestanten gibt, ist nicht allgemein bekannt. Wir Waldenser sind eine Kirche ohne Hierarchie, wo alle Entscheidungen in Versammlungen getroffen werden. Eine Kirche, die sich mit freiwilligen Beiträgen finanziert, nicht mit öffentlichen Geldern oder Kirchensteuern.

Seit wann ist die Waldenserkirche in Italien denn per Gesetz anerkannt und wird sogar vom Staat per Kultussteuer unterstützt?

1984 wurde ein neues Konkordat zwischen der katholischen Kirche und dem italienischen Staat unterzeichnet. Damit war die katholische Kirche nicht mehr Staatsreligion. Die Waldenserkirche (genauer: die Union der Waldenser und Methodisten) wurde damit als erste religiöse Gemeinschaft von Seiten des italienischen Staates anerkannt. Alle anerkannten religiösen Gemeinschaften haben ein Anrecht auf 8 Promille an Geldern. Jeder Steuerzahler kann mit einer Unterschrift entscheiden, welcher Glaubensgemeinschaft er seine 8 Promille anvertrauen will.

Wie dieses Geld ausgegeben wird, kann jede Kirche selbst bestimmen. Die Waldenser haben beschlossen, dieses Geld nicht für Gehälter der kirchlichen Mitarbeiter zu verwenden. Auch nicht, um ihre Glaubensaktivitäten zu finanzieren und auch nicht für den Unterhalt der Gebäude und Kirchen zu nutzen. Sondern ausschließlich für Aktivitäten, die der ganzen Bevölkerung zur Verfügung stehen: also soziale und diakonische Dienste, Kulturmaßnahmen wie Verlage, Museen, etc.

Konfirmation zu Pfingsten in Torre Pellice: Diakonin Karola Stobäus (links) mit den Konfir¬manden. Die Mädchen tragen am Festtag extra die traditionelle Wal¬densertracht. Rechts Pastor Michel Charbonnier. Foto: privat

In Torre Pellice nordwestlich von Turin ist quasi die Hochburg und das Zentrum der Waldenserkirche. Welche Einrichtungen gibt es dort?

Torre Pellice in Piemonte ist quasi der „Nabel der Welt“ für die Waldenser. Hier lebt die größte Gemeinde, die größte Kirche, die Büros der Kirchenleitung, der Sitz der Synode (jedes Jahr in der letzten Augustwoche), das Gymnasium „Collegio valdese”, das Kulturzentrum mit Museum und ein Gästehaus.

Wann gehen Sie in Rente – und kommen Sie nach Deutschland zu­rück?

In der Waldenserkirche geht man/frau – wenn die Gesundheit es zulässt – mit 70 Jahren in die „Emeritation“. Ich denke das auch zu tun. Ich schließe aber nicht aus, auch danach noch im kirchlichen Bereich tätig zu sein. Nach dem, was ich gerade gesagt habe, denke ich, ist klar, dass ich mein Alter hier in Torre Pellice verleben werde.

Letzte Frage: Wie feierten die Waldenser im Pellice-Tal das Weihnachts­fest?

Sehr einfach. Einen Adventskranz gibt es nur in der Kirche, ansonsten ist er nicht weit verbreitet. Das Nikolausfest wie in Deutschland ist unbekannt. Dafür kommt die Hexe am 6. Januar mit Kohle für die schlimmen Kinder und mit Süßem für die guten. Heiligabend ist nicht „das Fest”, denn Weihnachten ist am 25. Dezember! Dann sind Familientreffen und Geschenke dran. Zu Weihnachten gehören hier keine Plätzchen. Das Weihnachtsgebäck ist Panettone oder Pandoro. Ein luftig, weicher Kuchen, der nicht fehlen darf.

Na dann: Felice anno novo!

(*1) Benannt hat sich die Kirche nach ihrem Gründer, dem Kaufmann und Wander­prediger Petrus Waldus, der von 1140 bis 1217 zunächst in Lyon, später in den Seealpen lebte. Seine Anhänger wurden als ketzerische Glaubensbewe­gung von der katholischen Kirche verfolgt und nach Nordwest-Italien vertrieben. In den Tälern der Cottischen Alpen versteckten sie sich und feierten ihre Gottesdiente in Höhlen oder auf den Bergen. Um nicht erkannt zu werden mar­schierten sie bei Wind und Wetter oft im Dunkeln durch die engen Täler.

(*2) Autor Michael Winkler war von 1979 bis 2008 Pressesprecher und Öf­fentlichkeitsreferent im Diakoniewerk Ruhr in Witten.

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